Ärzte prangern Missstände in Krankenhäusern an

Ein Krankenbett wird geschoben

Ärzte prangern Missstände in Krankenhäusern an

  • 215 Ärzte haben Manifest unterschrieben
  • Patient soll an erster Stelle stehen
  • Wittener Mediziner unterstützt Manifest

"Rettet die Medizin! Wie Verwaltungsirrsinn und Profitdenken unsere Krankenhäuser ruinieren." Das ist die Überschrift eines Manifests von 215 deutschen Ärzten. Darüber berichtet der "Stern" am Donnerstag (05.09.2019) in seiner Titelgeschichte.

Rettet die Medizin!

Wie Verwaltungsirrsinn und Profitdenken unsere Krankenhäuser ruinieren

Krankenhäuser sollen für das Dasein vorsorgen genauso wie die Polizei oder Feuerwehr. Der Staat muss die Rahmenbedingungen dafür schaffen, dass das Menschenrecht auf Gesundheitsfürsorge gewährleistet ist. Wir fordern, dass er Krankenhäuser dort plant und gut ausstattet, wo sie nötig sind. Das erfordert auch den Mut, mancherorts zwei oder drei Kliniken zu größeren, leistungsfähigeren und personell besser ausgestatteten Zentren zusammenzuführen. Es darf nicht länger passieren, dass Krankenhäuser Gewinne für nötige Anschaffungen ausgeben und dafür am Personal sparen - weil der Staat ihnen seit Jahren Finanzmittel vorenthält, um unrentable Einrichtungen „auszuhungern“. Es ist fahrlässig, Krankenhäuser und damit das Schicksal von Patientinnen und Patienten den Gesetzen des freien Marktes zu überlassen. Niemand würde das mit der Polizei oder Feuerwehr tun, also warum mit dem Gesundheitswesen?

Die Führung eines Krankenhauses gehört in die Hände von Menschen, die das Patientenwohl als wichtigstes Ziel betrachten. Deshalb dürfen Ärztinnen, Ärzten und Pflegekräften keine Kaufleute vorgesetzt sein, die vor allem die Erlöse, nicht aber die Patientinnen und Patienten im Blick haben. Aber auch manche Ärztinnen und Ärzte selbst ordnen sich zu bereitwillig ökonomischen und hierarchischen Zwängen unter. Wir rufen sie auf, sich nicht länger korrumpieren zu lassen.

Das Fallpauschalensystem, nach dem Diagnose und Therapie von Krankheiten bezahlt werden, bietet viele Anreize, um mit überflüssigem Aktionismus Rendite zum Schaden von Patientinnen und Patienten zu erwirtschaften. Deshalb muss es ersetzt oder zumindest grundlegend überdacht werden. Es belohnt alle Eingriffe, bei denen viel Technik über berechenbar kurze Zeiträume zum Einsatz kommt – Herzkatheter-Untersuchungen, Rücken-Operationen, invasive Beatmungen auf Intensivstationen und vieles mehr. Es bestraft den sparsamen Einsatz von invasiven Maßnahmen. Es bestraft somit Ärztinnen und Ärzte, die abwarten, beobachten und nachdenken, bevor sie handeln. Es bestraft auch Krankenhäuser. Je fleißiger sie am Patienten sparen, desto stärker sinkt die künftige Fallpauschale für vergleichbare Fälle. Ein Teufelskreis. So kann gute Medizin nicht funktionieren.

Der Arbeitstag im Zeitalter der Fallpauschalen ist bis zur letzten Minute durchgetaktet. Nicht einberechnet ist der auf das Mehrfache angestiegene Zeitaufwand für Verwaltungsarbeiten. Nicht einberechnet ist die Zeit für die Weiterbildung junger Ärztinnen und Ärzte und für die immer wichtigeren Teambesprechungen. Vor allem nicht einberechnet sind Patientinnen und Patienten, die viele Fragen haben oder Angst vor Schmerzen, Siechtum und dem Tod. Wenn aber mit den Kranken nie ausführlich gesprochen wird, können Ärztinnen und Ärzte nicht erfassen, woran sie wirklich leiden. Wenn diese Patientinnen und Patienten entlassen werden, verstehen sie weder ihre Krankheit noch wissen sie, wofür die Therapie gut ist. Das Fallpauschalensystem hat zu einer Enthumanisierung der Medizin wesentlich beigetragen.

In dem Manifest fordern die Mediziner, dass der Patient wieder in den Vordergrund der Behandlung rückt. Zu häufig spielten finanzielle Interessen eine Rolle, wenn Eingriffe durchgeführt werden. Auch 19 ärztliche Organisationen unterstützen das Manifest.

Angestoßen vom Stern

Der Wittener Arzt Matthias Thöns kritisiert schon seit Jahren, dass der finanzielle Profit im Fokus vieler Ärzte und Kliniken stehe. Er unterstützt das Manifest* und freut sich darüber, dass es so viele Ärzte unterschrieben haben: "Ich hatte das Gefühl, dass mir zwar ganz viele Kollegen Recht geben, dass wir ein Problem mit Übertherapie haben. Aber es hat sich bisher kaum jemand getraut, das auch in der Öffentlichkeit zu sagen. Jetzt sind wir 215 Ärzte, und das finde ich natürlich toll." Angestoßen hat das Manifest das Magazin Stern.

Matthias Thöns

Matthias Thöns untersützt das Manifest

Laut Thöns gibt es in deutschen Kliniken viele Ärzte, die Geld erhalten, wenn sie besonders lukrative Eingriffe durchführen. Diese finanziellen Anreize müssten dringend abgeschafft werden.

Kritik an Behandlung alter Patienten

Besonders kritisch sieht Thöns die Behandlung von alten Patienten auf der Intensivstation. "Da wird Intensivmedizin betrieben bei Patienten, von denen wir vorher schon wissen, dass wir ihnen nicht mehr wirklich helfen können. Und da ist es ganz kritisch, wenn man sehr leidvolle Behandlungen durchführt, und das gefördert wird durch extrem hohe Geldbeträge."

Pflegekräfte am Limit Planet Wissen 21.08.2019 59:02 Min. Verfügbar bis 21.08.2024 SWR

Probleme seien vielen Ärzten und Pflegern bekannt

Thöns hofft, dass sich nun noch mehr Pfleger und Ärzte trauen, die Missstände offen anzusprechen. Die Probleme seien vielen Ärzten und Pflegern in Deutschland bekannt. "Es ist ein Deckmantel des Schweigens über einer extrem gruseligen Medizin und das ändert sich hoffentlich durch das Manifest", sagt Thöns.

*In einer früheren Version dieses Artikels stand, der Wittener Arzt Matthias Thöns habe das Manifest angestoßen. Tatsächlich war es der Stern.

Stand: 05.09.2019, 07:00