Zülpicher Straße: Trinken und Kiffen statt Kneipenbummel

Stand: 16.08.2021, 07:02 Uhr

Vor zwei Wochen starb auf der Zülpicher Straße ein 18-Jähriger durch einen Messerstich. Ein Streit war eskaliert. Der Fall zeigt: Die ehemalige Feiermeile der Kölner Studenten hat ihr Gesicht drastisch verändert.

Von Oliver Köhler

Statt Kneipenbummel, Party und Tanzen ist im Kwartier Latäng jetzt Volldröhnen und Rumgröhlen angesagt. Den Alkohol besorgen die Besucher sich im Kiosk oder Supermarkt. Für die Wirte bedeutet das: Umsatzeinbußen.

Zülpicher Straße verkommt zur Sauf- und Pöbelmeile

Gleichzeitig müssen sie Türsteher und Sicherheitspersonal für ihre Kneipen engagieren, weil die Gäste immer aggressiver werden. Stammgäste wandern ab in andere Kölner Viertel.

Bierfontänen auf der Zülpicher Straße in Köln

Am Wochenende im dicht gedrängten Pulk: Vor einem Kiosk am Zülpicher Platz brüllt die Menge ein Geburtstagslied, Bierfontänen steigen über den Köpfen auf, Männer hüpfen im Takt zu einem lauter werdenden "hoi, hoi, hoi".

Zülpicher Straße verkommt zur Sauf- und Pöbelmeile

Zülpicher Straße verkommt zur Sauf- und Pöbelmeile

"Das ist wie Karneval", sagt eine circa 20-jährige Frau. "Das ist einfach nur witzig hier. Man trifft viele Leute. Corona existiert hier scheinbar nicht mehr – wie man sieht."

Stammgäste meiden Zülpicher Straße am Wochenende

Die Menschenmenge ohne Sorge um Corona macht Filippa Luca Padiglia, der Wirtin des italienischen Restaurants Etrusca auf der Zülpicher Straße, inzwischen schwer zu schaffen. Sie verliert vor allem freitags und samstags treue Stammgäste.

"Mir sagen Gäste, dass es ihnen sehr schwer fällt, am Wochenende herzukommen, weil die Straße zu voll ist. Die haben Angst vor Covid, weil die jungen Leute auf der Straße ohne Masken herumlaufen."

Kölner Wirte müssen Bürgersteige mit Chlor schrubben

Bevor sie ihr Restaurant am Mittag öffnen kann, muss Filippa Luca Padiglia den Bürgersteig vor dem Lokal mit Chlorbleiche schrubben lassen. Erbrochenes, Urin, Essensreste und verschütteter Alkohol sorgen für Gestank und Ekel-Optik.

"So viele junge Leute, die so viel getrunken haben. Die machen alles so schmutzig, dass wir jeden Tag den Bürgersteig reinigen müssen, immer", sagt die Wirtin, die ihr Restaurant seit 42 Jahren an der Zülpicher Straße führt. "Die Stadt muss dringend etwas tun, damit sich das ändert", fordert sie.

Leuten fehlt das Feiern in Clubs

Draußen auf der Straße sagt ein Mittzwanziger mit dunklem Bart: "Wir waren jetzt ein Jahr lang nur zu Hause. Jetzt bin ich geimpft und denke, ich muss endlich raus, was machen mit den Freunden." Er nimmt einen Schluck aus der Bierflasche, die er offenbar gerade am Kiosk gekauft hat und prostet seinen Bekannten zu.

Auf seinem Handy hört ein anderer Mann einen Popsong, volle Lautstärke. Er tanzt dazu, kichert in sich hinein, scheint ein wenig entrückt zu sein.

"Die drehen alle am Rad", sagt Alexander Moll, Wirt der Filmdose. "Die wollen feiern, in Clubs, tanzen. Das geht aber alles nicht. Leuten in dem Alter fehlt da was."

Aggressivität der Gäste an der Zülpicher Straße nimmt zu

Alexander Moll schließt inzwischen regelmäßig vor Mitternacht. "Wenn man nach Mitternacht noch öffnen will, braucht man jetzt Sicherheitspersonal, ohne geht es nicht mehr", sagt er.

Die Zülpicher Straße sei zum Anziehungspunkt für Leute geworden, die sonst auf den Ringen in Clubs feiern. "Aber das ist viel zuviel Mensch für so eine kleine Straße. Das verteilt sich sonst besser. So ist das alles an einem Punkt. Und dann eskaliert das irgendwann", berichtet Moll. "Jetzt müssen wir Wirte überlegen, wie wir die Gäste einbinden können, um hier wieder zu guten Verhältnissen zu kommen", sagt Moll.

Ordnungsamt müsse Kontrollen bei schwarzen Schafen verschärfen

Die Zülpicher Straße sei zum Magneten für bestimmte Szenen geworden, weil es sich herumgesprochen habe, dass es hier Läden gibt, in denen es die Wirte nicht so genau nehmen mit den Corona-Regeln und den Verboten, sagt Markus Vogt, Sprecher der Interessengemeinschaft der Wirte im Kwartier Latäng.

"Da muss das Ordnungsamt viel genauer hinsehen. Statt sich mit Kleinigkeiten aufzuhalten, sollten die Streifen prüfen, wo welche Art von Veranstaltungen stattfindet. Wenn man die Auswüchse stoppt, kommen bestimmte Szenen nicht mehr ins Viertel", meint Markus Vogt.

Wirte suchen mit Stadt nach Lösungen

Nada Abdin, die auf der Kyffhäuserstraße zwei Kneipen führt, beobachtet den Trend zu Straßenpartys mit Saufgelagen in einer ständig wachsenden Menschenmenge schon seit Jahren. "Corona hat den Trend nur beschleunigt", sagt sie. Um das zu ändern, müsse an vielen Schrauben gedreht werden.

"Helfen würde es, wenn die Leute wieder richtig feiern könnten. Jetzt in der warmen Jahreszeit hätte man das möglich machen müssen. Draußen gibt es genügend Locations, die geeignet sind", sagt Wirtin Abdin.

Der rasante Wandel des Viertels macht ihr Sorgen

"Ich sehe, dass langjährige Gäste nicht mehr ins Kwartier Latäng kommen, sondern beispielsweise nach Ehrenfeld gehen, weil es dort sauberer ist und gesitteter zugeht. Das hier ist nicht mehr ihre Welt", so Abdin.

Die Wirte wollen verhindern, dass ihr Viertel zur Kiosk- und Fastfoodmeile mit hohem Sauf- und Aggressionspotential verkommt. Gemeinsam mit der Stadt suchen sie nach Lösungen für das Kwartier Latäng.

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