Winzer beschallen Riesling mit Beethoven

Vier Weinflaschen des Projekts "Klangwein" und zwei Weingläser

Winzer beschallen Riesling mit Beethoven

Verändert Wein seinen Geschmack, wenn er während der Gärung mit Beethoven-Musik beschallt wird? Zwei Winzer und ein Professor für Klangkunst sagen ja.

Winzer Christoph Schütt mag es eher eher rockig und punkig, doch für dieses Experiment hat er klassische Musik in seinen Weinkeller gelassen. Ein halbes Jahr lang dröhnten aus dem einen Edelstahltank Ludwig van Beethovens "Für Elise", aus einem anderen Tank die Sinfonie "Pastorale" - gleichzeitig.

"Das war ein ganz schönes Durcheinander in den Ohren", gibt der hessische Winzer zu, "aber als es nach den Monaten wieder still war, hab ich es vermisst." 

Sechs Monate Dauerbeschallung im Weinkeller

Christoph Schütt hat sich zusammen mit seiner Winzer-Kollegin Theresa Breuer auf ein Klangkunstprojekt eingelassen. Auf beiden Weingütern im hessischen Rheingau wurde ein kleiner Teil der Rieslingernte mit Beethoven-Musik beschallt. Die Idee stammt von Peter Kiefer, Professor für Klangkunst an der Hochschule für Musik in Mainz.

Er wollte zum Beethoven-Jubiläum der Frage nachgehen, welchen Einfluss Musik auf ihre Umwelt nimmt. Das Ergebnis stellten alle drei zusammen im Kammermusiksaal des Bonner Beethoven-Hauses vor: Vier verschiedene "Klangweine" in jeweils 380 Flaschen. Zur Auswahl stehen die "Ode an die Freude" (Kiefer: "Kennt jeder, die war Pflicht."), "Für Elise" ("Gar nicht so einfach, wie viele vielleicht meinen."), "Pathétique" und die "Pastorale".

Schall bringt Wein in Bewegung

Schütt ist sehr zufrieden mit den Weinen, welchen Anteil daran Beethovens Musik hat, lässt sich schwer sagen: "Geschadet hat sie in jedem Fall nicht." Auffällig sei gewesen, dass sich die Schwebstoffe in den Tanks schneller abgesetzt haben als üblich. Außerdem ist unter Kellermeistern längst bekannt, dass sich der Geschmack eines Weins verändert, wenn die im Wein enthaltenen Hefen während der Gärung bewegt werden. Genau dazu dürften die Lautsprecher an den Edelstahltanks beigetragen haben.

Und es könnte noch einen weiteren Effekt geben, vermutet Peter Kenning, Professor für Marketing an der Universität Düsseldorf: Den Marketing-Placebo-Effekt. Erwartungen an ein Produkt haben eine Wirkung, die nichts mit dem Produkt selbst zu tun hat. So hatten Forscher der Universität Bonn die Hirnaktivitäten von Weintrinkern beobachtet. Das Belohnungszentrum im Hirn reagierte stärker, wenn die Probanden glaubten, einen teuren Wein zu trinken. 

Weinkritiker Carsten Sebastian Henn probiert die Klangweine

Weinkritiker Carsten Sebastian Henn probiert die Klangweine

"Klavierstücke schmecken schlanker, frischer" 

Weinkritiker Carsten Sebastian Henn ist sich unschlüssig, was genau in den beschallten Edelstahltanks passiert ist. Für einen Weinkenner sei der Unterschied aber überraschend deutlich auszumachen, jeder der vier Weine hat seinen eigenen Geschmack: "Die Klavierstücke schmecken schlanker, frischer, dagegen sind Orchesterwerke einen Hauch opulenter, haben etwas mehr Schmelz und vielleicht auch etwas mehr Komplexität."

Interessant wäre es, nun herauszufinden, was genau von der Musik den Geschmack beeinflusst: Die Tonart, die Lautstärke oder der Rhythmus. Wein mit Heavy-Metal-Beschallung würde sicher anders schmecken, ist Peter Kiefer überzeugt. Der Mainzer Professor will sich nun aber einem anderen Projekt widmen: Welchen Einfluss hat Musik auf das Pflanzenwachstum?

Stand: 25.11.2021, 10:16

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