Wie ein Vegetarier eine Metzgerei-Kette führt

Stand: 10.06.2023, 06:06 Uhr

Als überzeugter Vegetarier verzichtet Sebastian Hielscher seit Jahren auf Fleisch. Trotzdem leitet er eine der größten Metzgerei-Ketten im Rheinland. Wie kann das gehen?

Von Josef Kaiser

Wenn Sebastian Hielscher alle paar Monate quer durchs Land fährt und seine Lieferanten besucht, ist seine schwierigste Station immer der Schlachthof von Christoph Jedowski in Unna. "Ich habe mir bewusst vorgenommen, davor nicht die Augen zu verschließen. Diese Bilder und Gerüche gehören einfach zu diesem ganzen Prozess dazu", erzählt er.

Die Schlachterei ist ein echter Familienbetrieb, wie bei den Hielschers. Das ist ihm als Chef wichtig. Die Chemie muss stimmen und das Bekenntnis zu absoluter Transparenz.

Gute Haltung ist Pflicht 

Nur etwa 30 Kilometer entfernt wachsen die Tiere auf. Kurze Wege zum Schlachter und eine Haltung auf Stroh, eine Kombination die Sebastian Hielscher im Rheinland nicht gefunden hat: "Mir geht das Herz auf, wenn ich sehe, wie wohl sich die Schweine hier fühlen."

Aber auch auf dem Hof von Theo Junker gibt es Bilder, an die er sich erst gewöhnen und vor allem verstehen musste. "Wenn die Sauen da tagelang in engen Boxen liegen, ist das schon hart zu sehen. Aber das muss sein, damit sie ihre Ferkel beim Säugen nicht erdrücken."

Denn über allem stehe natürlich auch die Wirtschaftlichkeit. Seine mehr als 100 Mitarbeiter wollen pünktlich ihren Lohn und "das Fleisch muss für unsere Kundschaft auch bezahlbar bleiben."

Ein Vegetarier als Metzgerei-Chef?

Wirtschaftlichkeit, das war jahrelang auch sein Credo als Unternehmensberater. Und vermutlich hätte er diesen Job heute immer noch, wenn 2018 nicht sein Vater krank geworden wäre.

"Die Familie hatte zunächst große Vorbehalte gegen seinen Einstieg in die Firma", erzählt Sebastian Hielscher. Geht das überhaupt, ein Vegetarier als Chef einer Metzgerei-Kette? Es geht. Und seit 2019 leitet er die Firma in Sankt Augustin sogar, gemeinsam mit seinem Cousin.   

Mitarbeiter und Kunden haben kein Problem

Sebastian Hielscher bei einer Begehung der Produktion einer seiner Zulieferer in einer Halle. Schweinhälften hängen von der Decke. | Bildquelle: WDR

Für die Belegschaft war sein Fleischverzicht nie ein Problem. "Wenn er sich damit gut fühlt und satt wird vom Gemüse", sagt Andreas Jelken, Metzgermeister und seit mehr als 30 Jahren im Betrieb.

Er kennt den Chef seit er ein Kind ist. Und auch die Kunden reagieren positiv: "Als Vegetarier schaut er vielleicht noch genauer hin, das finde ich gut", meint Kundin Katja Reiners.

Die Versuchung ist groß

An sein letztes Fleischgericht kann sich Sebastian Hielscher noch genau erinnern: "Käse-Lauch-Suppe mit Hackfleisch." Das ist jetzt acht Jahre her. Eine lange Zeit, in der mehr als einmal ein "Rückfall" drohte.

"Wenn morgens in der Produktion die Frikadellen oder zuhause die Eier mit Speck gebraten werden, das ist schon hart." Aber noch halte er der Versuchung stand. Fleisch kauft er nur für seine Frau und seine kleine Tochter.

Über dieses Thema berichtet der WDR in der Lokalzeit aus Aachen auf WDR 2 am 9.6.2023 und im WDR Fernsehen in der Lokalzeit aus Aachen.