Überflutungsgefahr der B 265 in Erftstadt war schon lange bekannt

Stand: 25.08.2021, 18:16 Uhr

Die Stadt Erftstadt hat die Bundesstraße 265 vor der Flut nicht rechtzeitig gesperrt und ließ Auto- und Lkw-Fahrer in eine lebensbedrohliche Falle fahren.

Von Oliver Köhler

Auf der Bundesstraße 265 in Erftstadt sind am Vormittag des 15. Juli mehr als 50 Menschen ahnungslos in die reißende Flut gefahren. Dabei ist seit Jahren bekannt, dass die B 265 in Erftstadt bei Hochwasser zur Todesfalle werden kann. Die Stadt Erftstadt hätte die Bundesstraße rechtzeitig sperren müssen.

Das Wasser kam ganz plötzlich. Von allen Seiten schossen Ströme auf die Bundesstraße. Für Autofahrer und Augenzeugen rollte die gewaltige Flutwelle vollkommen überraschend heran. Die Fahrerin eines Paketdienstes konnte sich nicht mehr rechtzeitig aus ihrem Transporter flüchten. Nur durch Zufall waren Udo Milewski von der Freiwilligen Feuerwehr Pulheim und andere Feuerwehrleute in der Nähe.

Gefährliche Rettungsaktion

"Das Auto war untergegangen", berichtet Milewski dem WDR. "Die Frau rief um Hilfe und trieb gegen die Sträucher. Sie sagte, dass sie keine Kraft mehr habe", erzählt der Feuerwehrmann.

Die Feuerwehrleute starteten eine gefährliche Rettungsaktion. Zufällig war einer der Männer Rettungsschwimmer, sagt Milewski. "Dann ist der Kollege ins Wasser gegangen und hat die Frau aus dem Wasser geholt. Zum Glück war eine Schwimmweste da, um den Kollegen zu schützen - wir hatten einfach wahnsinniges Glück."

Risikoanalyse des Landes weist auf Gefahr hin

Mehr als 50 Lastwagen und Autos gingen in der Flut unter. Tagelang war unklar, ob es alle Menschen rechtzeitig aus den Fahrzeugen geschafft hatten. Sie alle waren ahnungslos in die Flutwelle gefahren. Dabei war die extreme Gefahr bekannt. Aus einer seit Jahren bekannten Risiko-Analyse der Landesregierung geht hervor: Die B 265 wird bei Hochwasser in Erftstadt zu einer lebensgefährlichen Falle. "Die B 265 wird ebenfalls mit großen Wassertiefen überflutet: (…) mit (…) weit über 4 Meter Wassertiefe, teilweise mit Fließgeschwindigkeiten größer als 2 Meter pro Sekunde", heißt es dort.

Sperrung der Bundesstraße geht im Chaos unter

Bei diesen Wassertiefen und bei dieser Strömung kann sich niemand mehr selbst retten, sagt der Wasserexperte Heribert Nacken von der RWTH Aachen. Einige Stunden bevor die Flut am 15. Juli kam, hatte die Feuerwehr in Erftstadt über die Sperrung der Bundesstraße diskutiert. Dann war die B 265 aber offenbar in Vergessenheit geraten. Elmar Mettke, Sprecher der Feuerwehr Erftstadt: "Aufgrund der Entwicklung in Blessem, Bliesheim, im Altenpflegezentrum ist die Entscheidung über die Dringlichkeit der Sperrung der B 265 von den Ereignissen im Bereich der Menschenrettung überlagert worden." Die Feuerwehr Erftstadt war am Morgen des 15. Juli von einer Flutwelle überrascht worden, die auf die Stadt zurollte. In aller Eile mussten Wohngebiete evakuiert werden.

Familie mit kleinen Kindern in der Strömung

Zur Rettung auf der Bundesstraße hatte die Feuerwehr zunächst niemanden alarmiert. Feuerwehrmann Udo Milewski hatte auf einer Brücke über der B 265 angehalten, weil er mit seinem Feuerwehrfahrzeug nicht mehr weiter kam. Nach der Rettung der Paketdienstfahrerin mussten er und seine Kollegen noch eine Familie mit zwei kleinen Kindern aus der Strömung retten: "Ich hatte Angst, dass die Strömung mich umhaut“, sagt Udo Milewski. "Als wir ungefähr auf der Hälfte waren, sagte die Frau, ich kann nicht mehr".

Am Ende haben die Feuerwehrleute die Familie in Sicherheit gebracht. "Wir haben uns dann umarmt und ein paar Tränen geweint“, sagt Udo Milewski. Hätte die Stadt Erftstadt die B 265 und die Brücken rechtzeitig gesperrt, wäre den Menschen die Todesangst erspart geblieben.