Junge Theologin fühlt sich von Woelki unter Druck gesetzt

Viola Kohlberger

Junge Theologin fühlt sich von Woelki unter Druck gesetzt

Von Christina Zühlke

Eine junge Theologin aus München berichtet von einer unangenehmen Begegnung mit dem Kölner Kardinal. Er habe mit ihr über einen kritischen Redebeitrag sprechen wollen – dabei habe er seine Autorität ausgespielt.

Ein riesiger Konferenzsaal, mehr als 200 Personen sind anwesend, darunter fast 70 Bischöfe. Wer hier redet, muss sich was trauen. Viola Kohlberger will reden, denn sie ist nicht sicher, dass sie noch guten Gewissens an dieser Versammlung teilnehmen kann. Es ist die Versammlung des Synodalen Weges. Hier wollen Katholiken über die Zukunft ihrer Kirche reden. Laien und Bischöfe – nach eigenem Wunsch auf Augenhöhe. Ob das gelingt, darüber gibt es regelmäßig Streit.

Zweifel am System vor 200 Zuhörern

Die junge Münchner Theologin Kohlberger sagt von sich selbst, dass ihr die katholische Kirche am Herzen liege. Aber es müsse sich etwas ändern. Vor dem Hintergrund des jahrelangen Missbrauchs von Kindern durch Priester müssten Strukturen aufgebrochen werden. Dass das passiert, daran zweifle die 29-Jährige manchmal. Auch, weil Bischöfe wie der Hamburger Stefan Heße und der Kölner Woelki immer noch im Amt seien. Kohlberger erklärt vor den 200 Zuhörern in der Konferenz, dass Woelki und weitere Bischöfe "das System schützen wollen, dass sie die Kirche schützen wollen und dass sie nicht die Menschen im Blick haben".

Kardinal Rainer Maria Woelki

Ein starker Vorwurf, den der Kölner Kardinal offenbar nicht auf sich sitzen lassen wollte. Am Ende einer Mittagspause, so erzählt es Viola Kohlberger in einer Stellungnahme auf Instagram, habe er sie auf ihren kritischen Redebeitrag angesprochen. Der Kardinal habe ihr vorgeworfen, es liege an Leuten wie ihr, dass Menschen aus der Kirche austräten. Er habe "quasi mit der gesamten Autorität seines erzbischöflichen Daseins gesprochen und mich immens unter Druck gesetzt". In ihrem Video spricht Kohlberger von Machtmissbrauch.

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"Ein verbales Um-sich-schlagen"

Im Gespräch habe der Kardinal gesagt, er habe keine Fehler gemacht und ihm sei nichts vorzuwerfen. "Im Nachhinein würde ich sagen, das war ein verbales Um-sich-schlagen." Dabei habe Woelki sehr nah vor ihr gestanden und auf sie herabgeschaut. Nach dem Gespräch sei sie auf die Toilette gegangen und dort "ein bisschen zusammengeklappt".

Mit ruhiger, nachdenklicher Stimme erzählt sie, wie schlecht es ihr nach der Begegnung ging und dass andere junge Teilnehmerinnen sie erstmal wieder aufbauen mussten. Auch der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, habe ihr in einem Gespräch Mut zugesprochen.

Unterstützung von Maria 2.0 und Betroffenenbeirat

Maria Mesrian von Maria 2.0

Maria Mesrian von Maria 2.0

Kohlbergers Beitrag wurde schnell verbreitet. Auch Maria Mesrian von Maria 2.0 in Köln schaute das neunminütige Video an. Dem WDR sagt sie: "Das sind genau die Machtmissbräuche, die in dieser Kirche Tag für Tag stattfinden und die fast nie an die Öffentlichkeit gelangen." Laut Mesrian verdiene Kolhberger höchsten Respekt für ihren Mut. "Ich hoffe, dass viele ihrem Beispiel folgen", so Mesiran.

Karl Haucke bei einer Pressekonferenz zur Vorstellung des Instituts für Prävention und Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt (IPA)

Der ehemalige Sprecher des Kölner Betroffenenbeirats, Karl Haucke, sagte dem WDR: "Mitglieder der Bischofskonferenz sind Verantwortliche in der Täterorganisation. Trotzdem beanspruchen sie die Deutungshoheit über das Geschehen und wollen die Aufklärung maßgeblich steuern." Wie viele Betroffene bemängelt Haucke, dass das jeder rechtsstaatlichen Auffassung widerspreche, auf die sich die Kirche bei den Fragen der Entschädigung aber "so gerne beruft."

Woelki entschuldigt sich auf Instagram

Auch der Kölner Kardinal Woelki erfuhr von Kohlbergers Kritik - und entschuldigte sich kurz darauf. Unter Kohlbergers Beitrag bei Instagram schreibt er, dass ihm das persönliche Gespräch sehr wichtig sei. "Im Verlauf unseres Gesprächs ist bei Ihnen offenbar der Eindruck entstanden, dass ich auf Ihre Person Druck ausüben wollte. Nichts lag mir ferner und das tut mir leid." Ähnlich äußerte sich der Kardinal auch auf die Anfrage des WDR.

"Mehr als ich erwartet hätte"

Viola Kohlberger sagt: "Wenn Rainer Maria Woelki seine Entschuldigung ernst gemeint hat, nehme ich sie an." Persönlich am Telefon wäre es natürlich noch besser gewesen. Dennoch sei der schriftliche Kommentar schon mehr gewesen, als sie erwartet hätte.

Das Präsidium des Synodalen Weges will sich trotzdem noch einmal mit dem Fall beschäftigen, so schrieb es Bischof Georg Bätzing bei Twitter. Im Synodalen Weg beraten deutsche Bischöfe und Laienvertreter seit 2019 über die Zukunft der katholischen Kirche. Vor allem geht es um die Themen Macht, Priestertum und Sexualmoral sowie um die Rolle von Frauen. Vergangene Woche fand die zweite Versammlung in Frankfurt statt. Kohlberger wurde vom Zentralkomitee der deutschen Katholiken dorthin entsandt.

Stand: 06.10.2021, 19:32