Solinger todkrank durch sein Aquarium

Lokalzeit Bergisches Land 28.02.2022 09:53 Min. Verfügbar bis 01.03.2023 WDR Von Inke Köster

Tag der seltenen Erkrankungen

Stand: 01.03.2022, 13:04 Uhr

Rund vier Millionen Menschen in Deutschland leiden an einer seltenen Erkrankung. Sie werden als selten bezeichnet, wenn nicht mehr als 5 von 10.000 Menschen daran erkrankt sind.

Von Inke Köster

So kann es vorkommen, dass in einem Land nur einige Hundert Menschen an einer dieser Erkrankungen leiden – häufig sogar noch weniger. Die Betroffenen und ihre Familien stellen sie meist vor große psychische und soziale Herausforderungen.

Stefan Böhm aus Solingen war immer ein lebenslustiger Mensch. Trotz leichtem Übergewicht war er sportlich, spielte leidenschaftlich Tischtennis und sein zweites Hobby war die Aquaristik. In seinem Wohnzimmer hatte er bis zu 30 Aquarien stehen, in denen er tropische Süßwassergarnelen aus der ganzen Welt züchtete.

Plötzlich krank - 50 Kilo Gewichtsverlust

Dann wurde Stefan Böhm plötzlich krank. Als erstes bekam er einen Ausschlag am Körper. Eine Röschenflechte, eine nicht ansteckende Hauterkrankung, diagnostizierte der Hautarzt damals und verschrieb ihm eine Salbe. Der Ausschlag wurde besser, doch schon bald kamen die nächsten Symptome dazu: Magen-Darm Beschwerden, Durchfall, Gliederschmerzen, Schwäche.

Stefan Böhm leidet unter einer seltenen Erkrankung

Starker Gewichtsverlust

Für ihn begann eine Ärzte-Odyssee, die insgesamt fünf Jahre dauern sollte. 300 Tage lag er in diesen fünf Jahren in unterschiedlichen Krankenhäusern. Er nahm fast 50 Kilogramm ab, bekam Entzündungen im ganzen Körper und verlor insgesamt 25 Zähne. Doch niemand konnte ihm helfen. Niemand fand die Ursache für seine Beschwerden.

Das Urteil: Psychosomatisch

Irgendwann bekam er die Diagnose, dass seine Beschwerden psychosomatisch seien. Stefan Böhm fiel aus allen Wolken und fühlte sich nicht ernst genommen. „Man verliert dann auch wirklich die ganze Hoffnung. Man hat dann auch Angst nochmal zum Doktor zu gehen oder ins Krankenhaus. Es zermürbt einen und nimmt einem den Mut.“ Auch Freunde, Bekannte und Arbeitskollegen wandten sich nach und nach von ihm ab. „Das war mit das Schlimmste, ich hatte nur noch eine handvoll Leute, die zu mir gehalten haben.“ Allen voran seine Frau und die beiden Kinder.

Neue Hoffnung nach 5 Jahren Verzweiflung

Stefan Böhm klammerte sich an jeden Strohhalm und gab insgesamt rund 40.000 Euro aus „für Privatärzte, Heilpraktiker und irgendwelche Produkte, die helfen sollten, aber nicht geholfen haben. Ich glaube bis auf einen Schamanen hatte ich alles durch.“ Dann stieß Stefan Böhm im Internet auf Professor Schäfer und das „Zentrum für seltene und unerkannte Erkrankungen“ an der Uniklinik Marburg.

Der Solinger packte alle seine Unterlagen zusammen, und schickte sie nach Marburg – so wie jedes Jahr 1000 andere verzweifelte Patienten auch. Stefan Böhm hatte Glück, ein halbes Jahr später durfte er sich in der Klinik vorstellen. "Er wollte alles wissen, was für Hobbys ich habe, beruflich, was ich so mache. Und wo ich das dann sagte mein Hobby ist die Aquaristik, tropische Tiere, da hat es bei ihm, glaube ich, kling gemacht.“

Die Ursache ist gefunden

Nach nur wenigen Tagen fanden Professor Schäfer und sein Ärzte-Team heraus, dass Stefan Böhm eine Bilharziose hatte, eine Infektionskrankheit, die vor allem in tropischen und subtropischen Ländern verbreitet ist. In Deutschland tritt sie nur selten auf, in der Regel bei Reiserückkehrern aus entsprechenden Ländern.

Stefan Böhm leidet unter einer seltenen Erkrankung

Erkrankung durch Hobby

Die Erreger sind Pärchenegel. Die Parasiten leben im Süßwasser und ihre winzigen Larven bohren sich durch die menschliche Haut in den Körper ein. Dort entstehen aus den Larven Würmer, die sich vor allem in den Blutgefäßen und in der Darmwand ansiedeln und dort schwere Entzündungen auslösen - wie bei Stefan Böhm.

Tropische Erkrankung ohne Reise in die Tropen

Der Solinger war jedoch nie in einem tropischen Land gewesen. Er hatte sich die Bilharziose über sein Hobby eingefangen. Er züchtete tropische Süßwassergarnelen und ließ die Tiere aus der ganzen Welt importieren. Bei einer Lieferung muss als Beifang eine verseuchte Posthornschnecke ihren Weg aus Asien in eines seiner Aquarien gefunden haben. Über das Wasser hatte er sich dann mit dem Bilharziose-Erreger infiziert. Dieser Übertragungsweg war so bis dato noch nicht dokumentiert worden.

Stefan Böhm leidet unter einer seltenen Erkrankung

Keine Importe mehr aus den Tropen

Stefan Böhm bekam Medikamente gegen die Bilharziose. Weil die Diagnose jedoch so spät kam, war sein Körper bereits stark angegriffen. Der Solinger wird langfristig mit Folgeerkrankungen zu tun haben. Inzwischen züchtet er wieder Süßwassergarnelen. Allerdings lässt er sie nicht mehr direkt aus tropischen Ländern importieren.