Erst Applaus, dann kein Geld - Kassierer fordern mehr Gehalt

Kassiererin mit Mundschutz gegen die Verbreitung des Coronavirus in einem Supermarkt

Erst Applaus, dann kein Geld - Kassierer fordern mehr Gehalt

Von Sven Lüüs

Zu Anfang der Corona-Krise galten Kassierer und Kassiererinnen als Helden. Aber von ihrem Einsatz profitiert vor allem der Arbeitgeber. Deswegen wird in Duisburg, Viersen und Neuss gestreikt.

Die Arbeiter hier haben Angst vor Altersarmut, sagt Guido Meinberger von der Gewerkschaft Verdi am Telefon. Er ist gerade vor einem Edeka-Lager in Viersen: "Die Arbeitgeber bieten eine Lohnerhöhung von 0,0 Prozent. Das ist ein Schlag ins Gesicht!" Ein streikender Verkäufer der Metro sagt: "Seit fast anderthalb Jahren arbeiten wir unter Corona-Bedingungen. Aber der Arbeitgeber macht uns kein Angebot. Null, nichts, nothing, zero. Das geht gar nicht, also jetzt reicht es und deswegen wird jetzt gestreikt."

Meinberger und seine Kollegen fordern in den aktuellen Tarifverhandlungen 4,5 Prozent mehr Gehalt und einen Mindestlohn im Einzelhandel von 12,50 Euro pro Stunde für die rund 700.000 Beschäftigten im Einzelhandel.

Der Arbeitsgeberverband verweist auf die teils sehr angespannte Lage im Handel. Ein Drittel der Branche, die fast nicht von Schließungen betroffen war, sei vergleichsweise gut durch die Pandemie gekommen. Ein weiteres Drittel kämpfe nach fast sechs Wochen Lockdown um das nackte Überleben und ein weiteres Drittel müsse mit Umsatzverlusten im hohen zweistelligen Bereich zurechtkommen. Daher sei es nötig, „dass sich die Tarifparteien auf eine differenzierte Betrachtung der Entwicklung verständigen“. Daher hätte in der ersten Tarifrunde noch kein Angebot unterbreitet werden können.

Arbeitsniederlegung, aber keine Kundgebung

Um den Forderungen mehr Druck zu verleihen, legen seit Montagmorgen Beschäftigte des Lebensmittel-, Groß- und Außenhandels in Duisburg, Neuss und Viersen ihre Arbeit nieder. Bestreikt werden nach verdi-Informationen unter anderem ein Edeka-Lager, zwei Edeka-Märkte und eine Ikea-Filiale. Wegen der Corona-Pandemie sei keine Kundgebung geplant. Ende des Monats sollen die Verhandlungen mit den Arbeitgebern weitergehen.

Erhöhtes Ansteckungsrisiko für Kassiererinnen?

"Die wurden alle beklatscht, aber es kam nichts an," sagt Meinberger über den Applaus vom Balkon zu Anfang der Corona-Krise. Als sich das Coronavirus erstmals in Deutschland ausbreitete, wurde angenommen, dass sich Kassierer im Supermarkt einem erhöhten Corona-Ansteckungsrisko aussetzen.

Kein höheres Ansteckungsrisiko für Supermarkt-Angestellte

Kassierer infizieren sich nicht öfter mit dem Coronavirus als andere Berufsgruppen. Das ergibt eine Untersuchung der Berufsgenossenschaft für Handel und Warenlogistik und der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin. Laut der Studie infizierten sich von März bis Oktober 2020 etwa 0,6 Prozent der Beschäftigten im Einzelhandel mit dem Coronavirus. In der gesamten Bevölkerung lag dieser Wert bei 0,8 Prozent.

Mehr Umsatz durch Corona

Der Einsatz von Angestellten im Einzelhandel in der Corona-Krise sollte sich auch im Gehalt widerspiegeln, so die Forderung der Gewerkschaft Verdi. Das Geld dazu müsste da sein: Preisbereinigt hat der gesamte Einzelhandel im vergangenen Jahr 3,9 bis 4,3 Prozent mehr Umsatz gemacht als 2019, schätzt das statistische Bundesamt. Baumärkte und Möbelhäuser profitierten besonders, die Textilbranche hingegen büßte ein Fünftel ihres Umsatzes ein.

Unternehmen, die "existenzgefährdende Probleme" hätten, könnten auf Verdi zukommen, um eine gemeinsame Lösung zu finden, sagt Meinberger über die Händler, die durch die Corona-Krise weniger verdient haben. Aber: "Es sind nur ganz wenige, die da einen Verlust gemacht haben."

Vereinzelt wurden Prämien gezahlt

Verschiedene Supermärkte zahlten ihren Angestellten zwar Corona-Prämien, die reichen der Gewerkschaft aber nicht. Meinberger stört vor allem, dass manche Arbeitgeber die Prämien nicht in Geld, sondern zum Beispiel in Konzerten ausgezahlt haben: "Die Kollegen brauchen doch kein Konzert!"

Stand: 17.05.2021, 19:52