Bonner Studie zu russischem Gas

02:35 Min. Verfügbar bis 08.08.2023

Bonner Studie: Deutschland braucht schon jetzt kein russisches Gas mehr

Stand: 08.08.2022, 20:43 Uhr

Ökonomen der Universitäten Bonn und Köln haben nachgerechnet: Es bleibt genug Zeit, um Deutschland ohne russisches Gas durch den Winter zu bringen.

Von Sebastian Tittelbach

Der entscheidende Satz findet sich schon auf Seite zwei der Studie. Deutschland kann ohne russisches Gas durch den Winter kommen, heißt es dort, "Panikmache ist fehl am Platz." Über anderslautende Schlagzeilen, dass eine Massenarbeitslosigkeit oder ein Volksaufstand drohe, schüttelt Professor Moritz Kuhn mit dem Kopf: "Wir haben die Mittel, wir wissen was zu tun ist. Es besteht kein Grund, Ängste zu schüren, die nicht hilfreich sind."

Billigeres Gas für sparsame Haushalte

Kuhn hat mit Kolleginnen und Kollegen in Köln und Bonn nachgerechnet. Die Studie "Wie es zu schaffen ist" kommt zu dem Ergebnis, dass das Gas ausreicht, wenn alle weniger verbrauchen, auch die Privathaushalte. Ein Vorschlag ist ein Anreizsystem: Wer seinen Gasverbrauch auf 80 Prozent des Vorjahres senkt, bekommt einen Zuschuss. Für ihn wird Gas dadurch billiger. Wer dagegen mehr verbraucht, für den soll Gas deutlich teurer werden. Kuhn sieht darin einen entscheidenden Vorteil, denn es liege bei jedem selbst, ob und wie er spart: "Die Haushalte können entscheiden und ich muss nicht zu jedem hingehen und sagen, dass er seine Heizung herunterdrehen muss oder den Pool nicht mehr heizen darf."

Einsparungen von 25 Prozent nötig

Mit weiteren Maßnahmen könnte die "Gaslücke" geschlossen werden, wegen der bis kommenden Mai 25 Prozent eingespart werden müssen. So soll Deutschland darauf verzichten, mit Gas Strom zu erzeugen. Die Bundesregierung müsse durch vorübergehend geringere Zölle dafür sorgen, dass neue Lieferketten entstehen. Für Arbeitnehmer in gasintensiven Industriezweigen könnte Kurzarbeit nötig werden. Die Studie nimmt dabei die chemische Industrie in den Blick, sie allein verantworte 13 Prozent des deutschen Gasverbrauchs, trage aber nur etwa ein Prozent zur Wertschöpfung bei. 

Gasanbieter können noch nicht abschätzen, ob Kunden sparen

Ob die Gaskunden wirklich sparen, ist für die Anbieter im Moment schwer abzuschätzen. Die Stadtwerke Bonn können das frühestens zum Beginn der Heizperiode beantworten. Die Stadtwerke Troisdorf registrieren ein großes Interesse an Energiespartipps, im eigenen Onlineshop seien kleine Solarstromanlagen für den Balkon gerade sehr gefragt. 

Aus Sicht der Autoren der Studie habe die Bundesregierung zwar den Bau von LNG-Terminals begonnen und sie versuche, Gasimporte aus Drittländern sicherzustellen. Allerdings unternehme sie zu wenig, um die Gasnachfrage zu reduzieren. Dies sei auf Seiten der Politik immer wieder betont, allerdings nicht entschlossen genug umgesetzt worden. So kommt die Studie zu dem Fazit, dass zwar wertvolle Zeit verstrichen sei, trotzdem könne Deutschland noch rechtzeitig den Gasverbrauch senken.

Über dieses Thema haben wir am 08. August 2022 im WDR Fernsehen: Lokalzeit aus Bonn, 19:30 Uhr berichtet.



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