Streetwork in Neuss: "Corona verändert alles"

Streetworker in Zeiten des Coronavirus

Streetwork in Neuss: "Corona verändert alles"

Von Ina Reuter

  • Kein Streetwork während des Shutdowns
  • Nähe herstellen trotz Sicherheitsabstand und Maske
  • Ärger in den Notschlafstellen, Kontaktcafés geschlossen

Birte Schmidt zieht ihre Corona-Maske zurecht. Dass sie darunter lächelt, sieht man kaum. "Brauchst du Wasser?", fragt sie den Mann, der vor dem Bahnhof auf seinem Rucksack sitzt und dort nach Kleingeld fragt. "Oder einen Mund-Nasenschutz?", hakt ihre Kollegin Janine Rieser nach. Die beiden Frauen sind die einzigen Streetworker der städtischen Drogenberatungsstelle in Neuss.

Vor der Corona-Pandemie waren sie mit einem Bus unterwegs, hatten heiße Suppe, saubere Spritzen, Kleidung - und vor allem Zeit für die Menschen dabei. Dann mussten sie über zwei Monate die Arbeit auf der Straße einstellen. "Das war schrecklich", erzählt Janine Rieser. "Jetzt fangen wir bei einigen wieder von vorn an, das Vertrauen ist weg."

Obdachlos in der Coronapandemie

WDR 5 Neugier genügt - Freifläche 06.05.2020 10:16 Min. Verfügbar bis 06.05.2021 WDR 5

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Mehr Konflikte in der Corona-Krisenzeit

Sie touren jetzt nur noch zu Fuß durch die Stadt, um keine Menschenansammlungen zu verursachen. Nähe aufbauen und Kontakte pflegen unter Corona-Kontaktbeschränkungen? Das ist alles noch sehr ungewohnt für die Streetworker.

Streetworker in Zeiten des Coronavirus

In der Notschlafstelle kracht es seit des Shutdowns schneller als sonst, berichtet Werner.

Sie ziehen weiter und treffen Werner. Er ist Flaschensammler, Einzelgänger, 55 Jahre alt und lungenkrank. Er wohnt im Moment in der Notschlafstelle, denn die hat jetzt als einzige sogar rund um die Uhr geöffnet. "Den ganzen Tag die Leute da ertragen, das schaff ich nicht", sagt Werner. "Es knallt jetzt immer häufiger, der Ärger ist größer geworden." Werner will eine Therapie machen. Im Moment trinke er nicht, sagt er, "aber wenn ich auf 180 bin und die Schnauze voll habe, dann merke ich den Druck."

Das Gefühl alleine gelassen zu sein

Die Unterlagen hat er schon vor Ausbruch der Pandemie beim Arzt abgegeben. Also vor fast drei Monaten. Jetzt müsste er eigentlich nur die Papiere unterschreiben. Aber? Werner hebt hilflos die Hände.

Er kennt das Gefühl, dass ihn keiner für wichtig hält und trotzdem kommen ihm die Tränen. Er nimmt seine Brille ab, deren Bügel er mit Pflaster notdürftig geflickt hat. Die Streetworkerin reicht ihm ein Taschentuch. "Sollen wir mal zusammen beim Arzt vorbeigehen?", fragt sie.

Kontaktcafés sind geschlossen

Therapieanträge, Strafbefehle, Termine beim Jobcenter: normalerweise helfen die Streetworker bei diesen Dingen. "Corona verändert das alles", seufzt Birte Schmidt. Der Druck sei groß, die Stimmung gereizt. Die Kontaktcafés haben noch geschlossen. Die Beratungsstellen unterhalten nur einen Notbetrieb.

Die beiden Streetworkerinnen gehen weiter und lernen durch Zufall Stefania kennen. Sie sitzt mit Manfred und fünf Dosen Colabier auf einer Bank im Grünstreifen hinterm Busbahnhof.

Schnelle Hilfe ist in Corona-Zeiten schwierig

Streetworker in Zeiten des Coronavirus

Um so viele Menschen wie möglich zu erreichen, sind die Streetworkerinnen zu Fuß in der Stadt unterwegs.

Manfred ist spielsüchtig, Stefania hat ein Drogenproblem und ist vor zwei Tagen rückfällig geworden. Mit Heroin, erzählt sie. "Wissen Sie warum? Ich will einfach die Schmerzen weg machen", sagt sie mit schwerer Zunge. Stefania ist 20 Jahre alt und hat Liebeskummer. Sie habe schon seit Jahren einen guten Sozialarbeiter, erzählt sie. "Der sagt, ich kann ihn immer anrufen."

Die Streetworkerinnen kennen den Sozialarbeiter, sie sind untereinander vernetzt und werden ihm von der Begegnung erzählen. "Weil wir draußen nicht so oft unterwegs sind, müssen wir intern mehr reden. Da fördert Corona bei uns wieder den Austausch mit Kollegen", stellen die beiden hoffnungsvoll fest.

Zum Abschied verteilen sie ihre Visitenkarten. Mit einem Sicherheits-Abstand von 1,5 Metern lächeln sie Stefania an und versprechen, dass sie wiederkommen. Mehr können sie im Moment hier nicht tun.

Stand: 06.06.2020, 06:00

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