Obdachlose machen Stadtführungen durch Bonn

Stand: 08.07.2021, 16:13 Uhr

Eine U-Bahnstation, ein Toilettenhäuschen – es sind nicht die gewöhnlichen Sehenswürdigkeiten, die einem auf dieser Tour begegnen: Die "Stadtstreifen" zeigen die Orte, an denen sich ihr Leben abspielt.

Von Madelaine Meier

"Die Schlafplätze in der U-Bahn sind die sichersten." Melanie steht breitbeinig im gelben Kunstlicht der U-Bahn-Haltestelle und zeigt auf den Notfallknopf. "Aber so richtig tief schläft man eh nicht. Manchmal wird man bestohlen, bepöbelt. Ein Bekannter von mir wurde sogar mal angezündet."

Melanie ist 42 Jahre alt und lebt seit vier Jahren in Bonn auf der Straße. Seit kurzem macht sie Stadtführungen und zeigt den Teilnehmern und Teilnehmerinnen einen anderen Blick auf ihre Stadt.

Johanna studiert Psychologie und läuft mit ihren Kommilitoninnen bei der Tour mit. Sie streicht sich mehrfach durchs Haar, als könnte sie so ein bisschen das abschütteln, was sie gerade gehört hat: "Das berührt mich schon sehr. Zu hören, dass man jeden Abend einen neuen Schlafplatz finden muss. Vor allem einen, wo einem nichts passiert."

Stadtführung zum Toilettenhäuschen

Die Gruppe macht sich auf den Weg Richtung Remigiusplatz. Melanie geht vor. Sie ist groß, kräftig; hat ihre langen braunen Haare streng nach hinten gebunden. "I was there" steht auf ihrem Kapuzenpulli. Zufall sagt sie. Könnte aber auch das Motto dieser Tour sein.

"Das hier ist eine von insgesamt drei öffentlichen Frauentoiletten, die gerade in Bonn funktionieren." Früher wären da fünf offen gewesen, die seien aber ständig zu, erzählt sie. Die Gruppe steht in einem weiten Kreis um das graue Toilettenhäuschen. Kein Ort, an dem man sonst gern länger verweilen würde. Aber die Teilnehmer lauschen gespannt. "Bis vor kurzem mussten Frauen hier noch 50 Cent bezahlen, für Männer war das umsonst. Unfair!" Inzwischen habe die Stadt das geändert.

Erst Job weg, dann Wohnung verloren

Die gelernte Bäckereiangestellte führt die Studenten weiter – vorbei an einem Trinkwasserbrunnen, Melanies festem Sitzplatz, wo sie Geld schnorrt, und auch dem Busbahnhof, wo ehrenamtliche Helfer abends kostenloses Essen an Wohnungslose verteilen.

Melanie hat vor vier Jahren erst ihren Job, dann ihre Wohnung verloren. Die Geschichte sei viel komplexer, aber da winkt sie schnell ab. Seitdem lebt sie mit ihrem Mann und ihrem Hund Filou auf der Straße. Ein Satz fällt an dem Tag häufiger: "Wir sind auch Menschen, so wie ihr."

Medizinstudenten hatten Idee

Die Idee zu diesem Projekt hatten die Medizinstudenten Ricarda Köllges und Johannes Schwerdt. Sie waren über ein anderes ehrenamtliches Projekt bereits in der Obdachlosenhilfe tätig und dachten sich: Warum gibt es so ein Projekt eigentlich noch nicht in Bonn?

Ihnen sei es aber auch wichtig gewesen, dass niemand sich bloßgestellt fühle, sagt die angehende Ärztin. "Das war eine Sorge: Dass wir von Schlafplatz zu Schlafplatz gehen und die Leute angucken – also wie im Zoo! Aber wir wollen genau das Gegenteil, nämlich miteinander ins Gespräch kommen."

Die Freiwilligen sind gerade dabei einen Verein zu gründen und versuchen, andere wohnungslose Menschen für das Projekt zu gewinnen – das sei aber gar nicht so einfach, sagt Melanie. "Manche können halt nicht so auf Menschen zugehen. Und andere sind einfach nicht pünktlich. Bei denen ist die Sucht oft stärker."

Die Touren finden immer sonntags gegen Spende statt und können online gebucht werden.

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