Urteil im Prozess um Solinger Kindstötung erwartet

Stand: 04.11.2021, 07:14 Uhr

Vor dem Landgericht Wuppertal soll heute im Prozess um die fünffache Kindstötung von Solingen das Urteil fallen. Die Anklage fordert lebenslange Haft, die Anwälte der Angeklagten plädieren auf Freispruch.

Von Wolfram Lumpe

Die Schwurgerichtskammer will ihr Urteil am Donnerstag (04.11.2021) um 10:00 Uhr verkünden. Angeklagt ist eine 28-jährige Solingerin, die fünf ihrer sechs Kinder getötet haben soll.

Am 20. Verhandungstag am Dienstag (02.11.2021), als die Plädoyers gehalten wurden, war die Angeklagte dem Prozess noch so gefolgt, wie sie es von der ersten Minute an fast durchgehend tat: Mit unbewegtem, nahezu ausdruckslosem Gesicht. Und das auch, als Staatsanwalt Heribert Kaune-Gebhardt sagte: "Die fünf Kinder erwarteten Alltag, sie waren sich eines Angriffs nicht bewusst."

Motiv: Enttäuschung über ihren Mann

Heribert Kaune-Gebhardt von der Staatsanwaltschaft Wuppertal (Archiv)

Heribert Kaune-Gebhardt von der Staatsanwaltschaft Wuppertal (Archiv)

Laut Anklage sah der Angriff so aus: Am Morgen des 3. September 2020 betäubte die Mutter fünf ihrer Kinder und erstickte oder ertränkte sie anschließend. Motiv: Die große Enttäuschung über ihren Mann, der jetzt in der Nachbarschaft mit neuer Partnerin lebte und sich an diesem Morgen, sehr innig, gemeinsam mit ihr als Profilbild in den Sozialen Medien zeigte.

Er habe also all das gehabt, was sich die 28-Jährige so sehr wünschte. Kaune-Gebhardt: "Sie hatte eine gewisse Sehnsucht nach einer heilen Familie. Deswegen hatte sie zuvor die Flucht in die mehrfache Mutterrolle angetreten." Sie habe in einer Fassadenwelt gelebt, die sie selbst aufgebaut habe. Und: "Selbst wieder einreißen konnte."

Verteidigung fordert Freispruch

Ganz anders Verteidiger Thomas Seifert. Er forderte Freispruch – aus Mangel an Beweisen. Seine Mandantin hatte immer wieder von einem ominösen Fremden gesprochen, der am Tattag in ihrer Wohnung gewesen sei und die Morde verübt habe. In diese Richtung sei nicht ausreichend ermittelt worden.

Einweisung in Psychiatrie?

Eine Version, die letztlich selbst den Verteidiger nicht komplett zu überzeugen scheint. Seifert: "Für den Fall dass die Kammer zu einem Schuldspruch kommt, habe ich beantragt, eine Gesamtfreiheitsstrafe von acht Jahren auszusprechen, wegen Totschlags. Zusätzlich die Einweisung in eine geschlossene Psychatrie." Weil in ihrem derzeitigen Zustand eine Gefährdung für die Allgemeinheit ausgehe.

Verteidiger Thomas Seifert

Verteidiger Thomas Seifert

Seifert sprach von einem möglichen Missbrauch der Angeklagten durch den eigenen Vater. Dieser war schon vor Jahren wegen des Besitzes von Kinderpornografie verurteilt worden. "Da liegt es doch nah, dass auch meine Mandantin sein Opfer war." Auch hier könnte die Ursache für die Tat zu finden sein. So oder so blieben Restzweifel. Und die müssten zugunsten der 28-Jährigen gewertet werden.