"Gewalt verstärkt sich": Solinger Arzt über Flüchtlingslager Moria

Arzt bei der Arbeit

"Gewalt verstärkt sich": Solinger Arzt über Flüchtlingslager Moria

  • Christoph Zenses unterstützt Flüchtlinge auf Lesbos
  • Lockdown seit März im Flüchtlingscamp Moria
  • Hygienezustände haben sich seit Corona verschlechtert

Zum fünften Mal ist der Solinger Internist Christoph Zenses im Flüchtlingslager auf der griechischen Insel Lesbos im Einsatz gewesen. Wieder hatte er Spenden aus Solingen im Gepäck, für medizinische Geräte und Medikamente. Das Camp ist seit Beginn der Corona-Pandemie im März in einem kompletten Lockdown. Die Hygienemaßnahmen vor Ort sind laut Zenses katastrophal. Inzwischen ist auch die NRW-Landesregierung auf die Arbeit von Zenses und seinem Verein "Solingen hilft" aufmerksam geworden.

WDR: Ein Coronafall in so einem Camp wäre dramatisch. Wie sind Sie mit der Situation umgegangen - haben Sie sich testen lassen?

Christoph Zenses: Natürlich ist für die NGO Volunteers vorgeschrieben, sich testen zu lassen. Das eine Woche vorher. Das habe ich Zuhause gemacht und nach der Ankunft auf der Insel Lesbos auch. Das ist eine Vorschrift der Organisationen, der NGO.

WDR: Die mehr als 20.000 Menschen sind im Camp isoliert. Seit März im Lockdown. Worüber machen Sie sich am meisten Sorgen?

Arzt bei der Arbeit

Zenses bei der Arbeit auf Lesbos

Zenses: Sorgen mache ich mir einerseits weil die meisten das Gefühl haben weggesperrt zu sein, ausgegrenzt zu sein, eingesperrt zu sein. Psychische Erkrankungen und Gewalt verstärken sich, wenn dort keine Polizei ist. Es ist abends dort stockdüster – es gibt dort keine Lampen.

WDR: Was macht Ihnen die größten Sorgen - dass Abstands- und Hygieneregeln nicht eingehalten werden können, dass Schule und berufsbildende Maßnahmen im Camp ausfallen?

Arzt bei der Arbeit

Flüchtlingscamp Moria

Zenses: Das sind alles ganz schwierige Punkte. Aber wir setzen überall an und versuchen zu helfen. Ich hatte abends nach meiner Schicht immer noch Treffen bei denen wir versucht haben wegen zu finden die Hygienemaßnahmen zu unterstützen. Dafür haben wir ein Wasserprogramm zum Händewaschen.

Die Schule in der Stadt Moria ist abgebrannt und wir finden es ganz wichtig, dass Schule bei den 7.000 Kindern wieder stattfindet. Wir finanzieren dafür Material und Lehrer anteilig mit, sodass die Schule wieder funktionieren kann. Es ist halt wichtig, dass man diesen Menschen zeigt, dass sie nicht vergessen sind.

Flüchtlingslager Moria: "Man ist einfach entsetzt"

WDR 5 Morgenecho - Interview 14.07.2020 05:23 Min. Verfügbar bis 14.07.2021 WDR 5

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WDR: Jetzt am Wochenende sind 83 Geflüchtete aus Moria in Deutschland aufgenommen worden, darunter 18 kranke Kinder mit Begleitung. Sind das nur Tropfen auf den heißen Stein?

Zenses: Ja, das stimmt. Wir wollen natürlich, dass die Menschen da rauskommen. Geplant ist es, dass insgesamt 928 nach Deutschland kommen. Wir haben mit dem Integrationsminister Joachim Stamp telefoniert. Der hat sich interessiert für die Situation vor Ort. Er hat gesagt, er habe dem Innenministerium gemeldet er würde 500 Flüchtlinge aufnehmen.

Das funktioniert aber nach dem Königsteiner Schlüssel nicht, der auf die Länder verteilt. Sodass wir gerade mal 220 Menschen in Nordrhein-Westfalen aufnehmen. Das ist natürlich ein Tropfen auf den heißen Stein. Es sind noch einige Schritte da aber wir wollen denen helfen, die da bleiben möchten. Wir wollen jeden Euro dorthin bringen, bis sie endlich zu uns kommen können.

Wie ist die aktuelle Situation in Moria? | Deutsch-Englisch 25:28 Min. Verfügbar bis 07.07.2025

Stand: 28.07.2020, 11:53

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