Gutachten zu sexuellem Missbrauch im Bistum Aachen

Ein Kreuz im Gegenlicht

Gutachten zu sexuellem Missbrauch im Bistum Aachen

Von Britta Kuck

Am Donnerstag wurde zum ersten Mal in Deutschland ein unabhängiges Gutachten zum Umgang mit Vorwürfen des sexuellen Missbrauchs durch katholische Priester im Bistum Aachen vorgestellt.

Anwälte einer Münchner Kanzlei hatten anhand von Akten untersucht, wie sich Bistums-Verantwortliche in leitender Position zwischen 1965 und 2019 in Aachen verhalten haben. Es ist dieselbe Kanzlei, der der Kölner Kardinal Maria Woelki vor Kurzem das Vertrauen aufgekündigt hat.

Die Kanzlei geht von 81 Tätern und 175 Opfern aus. Davon seien 124 Jungen und 45 Mädchen gewesen. Bei sechs Opfern sei das Geschlecht nicht zuzuweisen gewesen. Die Mehrheit der Jungen und Mädchen seien acht bis 14 Jahre alt gewesen.

Gutachter konnten unabhängig agieren

Die Gutachter hatten - anders als bei der 2018 vorgestellten Missbrauchsstudie der Deutschen Bischofskonferenz - Zugang zu allen Akten. Deshalb konnten sie unabhängig agieren.

Die Zusammenarbeit mit dem Bistum Aachen sei "grenzenlos" gewesen, sagte einer der Anwälte. So schnell habe die Kanzlei noch nie die Akten bekommen, die sie zur Aufklärung der Missbrauchsfälle im Bistum brauchte.

Aus den Akten sei ersichtlich, dass die Bistumsleitungen bis weit in die 90er Jahre die Täter in fast allen Fällen sehr milde behandelt hätten und der sexuelle Missbrauch in den meisten Fällen keine strafrechtlichen Konsequenzen gehabt hätten.

Vertuschung krimineller Taten

Die Verantwortlichen im Bistum Aachen hätten lange verhindern wollen, dass der Ruf der Kirche beschädigt wird. Das Leid der Opfer habe lange keine Rolle gespielt. Erst ab 2010 habe ein Umdenken begonnen und dass Bistum habe sich mit den Folgen für die Opfer und einer möglichen Entschädigung auseinandergesetzt.  

Die Vertuschung habe allerdings dazu geführt, dass es zum Teil zu weiteren sexuellen Übergriffen kam. Die Anwälte nannten einen konkreten Fall, in dem ein Geistlicher nach seinen Vergehen die Vorgesetzten gebeten hätte, ihn nicht mehr in der Seelsorge einzusetzen. Dem seien diese aber nicht nachgekommen. Und so sei es kein Wunder gewesen, so die Anwälte, dass sich der Geistliche erneut an Kindern vergangen habe.

Institutionelles Versagen

Der Generalvikar sprach damals von einem institutionellen Versagen. Dieses Versagen sollte die neue unabhängige Studie klar benennen, um sexualisierte Gewalt zu stoppen. Der Aachener Bischof Helmut Dieser bemüht sich um Transparenz und hat die Gläubigen aufgefordert, die Live-Übertragung im Internet zu verfolgen.

Die Pressekonferenz vom Donnerstagmorgen kann über diesen Link immer noch nachverfolgt werden:

Stand: 12.11.2020, 13:11