Sexueller Missbrauch in der Kirche: "Ich musste ihm seine Verbrechen beichten"

Sexueller Missbrauch in der Kirche: "Ich musste ihm seine Verbrechen beichten"

Von Jörn Kießler

  • Zehn Jahre Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche
  • Vor zehn Jahren machte Pater Mertes den Missbrauch öffentlich
  • Betroffener sexueller Gewalt aus Bonn setzt sich für Prävention ein

Im Jahr 2012 erträgt Karl Haucke die Erinnerung an seine Schulzeit nicht mehr. Mit einem Suizidversuch will er seiner Vergangenheit entkommen. Einer Kindheit, in der er, wie er berichtet, über fast vier Jahre hinweg wöchentlich von einem Pater am Collegium Josephinum in Bonn vergewaltigt wurde. Als Karl Haucke sich das Leben nehmen will, ist er 61 Jahre alt.

"Über Jahrzehnte habe ich mich nicht mehr an die Taten erinnert", sagt der mittlerweile 69-Jährige. "Es war ein Selbstschutzmechanismus." Erst als der damalige Rektor des Canisius-Kollegs in Berlin, Klaus Mertes, auf Anstoß von drei Schülern an die Öffentlichkeit ging, kam auch Hauckes Erinnerung wieder.

Missbrauchsskandal: "Es ist eine Spaltung sichtbar geworden"

WDR 5 Morgenecho - Interview 28.01.2020 05:19 Min. Verfügbar bis 26.01.2021 WDR 5

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Ein Mann mit Brill schaut in die Kamera

Karl Haucke, Sprecher des Betroffenenbeirats des Erzbistums Köln

Seitdem war er mehrmals monatelang in psychologischer Behandlung. Mittlerweile schafft er es, mit seiner eigenen Geschichte zu leben.

Auch weil er sich seit 2017 aktiv für Betroffene sexueller Gewalt engagiert - unter anderem im Betroffenenbeirat des Erzbistums Köln: "Ich wollte nicht bis an mein Lebensende als Opfer durch die Welt laufen, sondern konstruktiv an der Veränderung der Situation Betroffener mitwirken". Vor allem die Präventionsarbeit gegen sexualisierte Gewalt in Bildungseinrichtungen ist ihm wichtig.

Diskussion um Entschädigung der Betroffenen

Der Jesuitenpater Klaus Mertes, auf dessen Schritt hin die Aufdeckung des Missbrauchs begann, wurde von Angehörigen der katholischen Kirche danach als "Nestbeschmutzer" beschimpft.

"Was mich aber viel mehr gekostet hat, war, über Jahre hinweg immer wieder diese schmerzlichen und furchtbaren Geschichten von Opfern anzuhören und das Misstrauen gegenüber meiner Person zuzulassen", sagt Mertes im Interview mit dem WDR.

Aktuell wird darüber diskutiert, ob die Opfer stärker entschädigt werden sollten - mit 300.000 Euro, wie es eine Expertengruppe unter Betroffenenbeteiligung vorgeschlagen hat.

Ein Mann mit Brille schaut in die Kamera

Der ehemalige Rektor des Canisius-Kollegs in Berlin, Jesuitenpater Klaus Mertes

Für Mertes könnte das allerdings ein "Rückfall in die Ablassmentalität" sein. "Das ist die Verlockung, zu sagen: 'Wir zahlen die 300.000 Euro und dann ist Ruhe in der Kiste'."

Karl Haucke sieht das anders. Für ihn sollen damit die Betroffenen ausbaden, wie die Kirche die Entschädigungen deutet. "Diese Ablassmentalität entsteht ja nicht bei den Betroffenen", sagt er. "Sie würde bei der Kirche entstehen, sicherlich aus einem eigenen historischen Trauma gespeist."

Kirche muss sich verändern

Einig sind sich die beiden Männer darin, dass die Kirche sich verändern muss. Und dass der Synodale Weg, mit dem die katholische Kirche in Deutschland sich erneuern will, eine Chance dazu ist.

Aber auch in der Gesellschaft müsse sich etwas tun, meint Karl Haucke: "Wir müssen aufhören, der Kirche und dem einzelnen Kleriker eine Aura der Unantastbarkeit anzudichten."

Stand: 28.01.2020, 06:00