"Schwer erträgliche Bilder": Zwei Jahre Missbrauchskomplex Bergisch Gladbach

"Schwer erträgliche Bilder": Zwei Jahre Missbrauchskomplex Bergisch Gladbach

Von Oliver Köhler

Seit zwei Jahren ist die größte Ermittlungsgruppe in der Geschichte der Kölner Polizei sexualisierter Gewalt gegen Kinder auf der Spur. Sie stieß auf ein pädokriminelles Netzwerk von unvorstellbarem Ausmaß.

Vor fast genau zwei Jahren entdeckte die Polizei in Bergisch Gladbach die ersten Fäden eines riesigen Netzwerks von Sexualstraftätern. Die meist männlichen Täter vergewaltigten und misshandelten Kinder, in manchen Fällen auch die eigenen, und selbst Babys. Ihre Taten fotografierten und filmten sie.

In geschlossenen Chatgruppen tauschten sie die Aufnahmen aus, verabredeten sich, um gemeinsam Kindern sexuelle Gewalt anzutun. Als die Polizei mit den Ermittlungen begann, war niemandem klar, welche Dimensionen der Fall annehmen würde.

Unter Führung der Kölner Polizei arbeiteten zeitweise 350 Ermittler an der Auswertung von Zehntausenden Fotos und Videos. Inzwischen sind erste Urteile ergangen. Die Arbeit der besonderen Kölner Ermittlungsorganisation mit den Namen BAO Berg ist nach zwei Jahren fast abgeschlossen.

Bilder und Videos nur schwer zu ertragen

Zurzeit sind noch 20 Beamte im Kölner Polizeipräsidium mit den Ermittlungen befasst. Sie wollen klären, wo die Fotos aufgenommen wurden, ob es Hinweise auf die Täter und auf die Opfer gibt. Die Inhalte von Bildern und Videos, die die Beamten sichten, sind nur schwer zu ertragen.

Eine Kriminaloberkommissarin sitzt in einem Büro vor einem Auswertungscomputer auf der Suche nach Kinderpornografie und Fällen von sexuellem Missbrauch

Das müsse er beim Einsatz seiner Mitarbeiter immer berücksichtigen, sagt der Leiter der BAO Berg, Michael Esser: "Wir setzen auf Freiwilligkeit in dieser Ermittlungsgruppe. Denn die Belastung ist doch exorbitant hoch. Da ist es einfach zwingend erforderlich, dass man das mit eigener Motivation nach vorne bringen kann."

Erfolge als Ansporn

Die Ermittler können Auszeiten nehmen, wenn sie mit dem Gesehenem und dem Gehörten nicht mehr zurechtkommen. Trotzdem: Wichtig ist für die Ermittler, immer wieder Erfolge zu erzielen, sagte der Kriminalist Michael Esser dem WDR.

"Gerade in den letzten Tagen haben wir einen Tatverdächtigen identifizieren können, der ein 8 Monate altes Kind missbraucht hat. Und das ist für uns als BAO Berg nach 2 Jahren immer noch der Fundus, wo wir unsere Kraft schöpfen. Diese Erfolge brauchen wir, um weitermachen zu können in der Intensität."

Mehr als 65 Kinder befreit

Ein Junge kauert sich in der Ecke seines Zimmers am Fußboden sitzend zusammen

Die Opfer sind wehrlos

Die Ermittler haben gelernt, in der Masse der sichergestellten Daten die Aufnahmen zu erkennen, die bei der Identifizierung der Täter und vor allem beim Auffinden der Opfer helfen können, sagt der Kölner Kriminaldirektor Michael Esser: "Es ist immer entscheidend, dass wir die richtigen Daten auswerten, das kriminalistische Fingerspitzengefühl, das kriminalistische Wissen heranbringen. Die Ermittlerinnen und Ermittler haben da häufig ein gutes Händchen bewiesen, was auch allein daran festgemacht wird, dass wir über 65 Kinder befreit haben."

Keine gravierenden Fälle mehr erwartet

Videos, Fotos und Chats, die Hinweise auf Kinder liefern, die sich möglicherweise aktuell noch in der Gewalt von Tätern befinden, werden von den Ermittlern immer mit höchster Priorität ausgewertet. Diese Fälle sind inzwischen aber nach Angaben des Leiters der BAO Berg weitgehend ausermittelt.

Wie lange die BAO Berg im Kölner Polizeipräsidium noch weiterarbeiten wird, steht bisher nicht fest. Irgendwann wird "Schluss sein mit der Auswertung der sichergestellten Bilder, Videos und Chats", sagt Kriminaldirektor Esser. Dann soll eine kleinere Gruppe die wenigen noch offenen Ermittlungen übernehmen.

Stand: 20.10.2021, 09:59