Flutopfer warten noch immer auf Hilfen - Land will schneller werden

Sechs Monate nach der Flut

Flutopfer warten noch immer auf Hilfen - Land will schneller werden

Von Sabine Büttner

Schnelle und unbürokratische Hilfe war versprochen – doch viele Opfer der Flutkatastrophe in Nordrhein-Westfalen warten weiterhin auf Geld aus dem Wiederaufbaufonds. Jetzt schärft das Land nach.

Waltraud und Günter Groten aus Erftstadt-Blessem haben schon Rückmeldung zu ihrem Antrag auf Wiederaufbauhilfe bekommen – allerdings keinen positiven Bescheid, sondern Nachfragen: Statt dem erhofften Geld kämen immer neue Schreiben, in denen weitere Unterlagen angefordert werden, erzählt Günter Groten: "Jetzt fehlten plötzlich Personalausweis in Kopie, ein Grundbuchauszug und die Auflistung der Schäden in Euro, von uns geschätzt. Wir müssen mal abwarten, was jetzt passiert." Es sei der dritte Anlauf, sagt der 79-Jährige.

Dritter Anlauf bei der Beantragung

Sechs MOnate nach der Flut

Günter und Waltraud Groten

Das Haus der Grotens steht direkt an dem Krater, den die Flut in Erftstadt-Blessem gerissen hat. Metertief war die Erde abgesackt, drei Häuser stürzten ein, fünf mussten abgerissen werden. Die Grotens sind froh, dass ihr Haus noch steht, doch die Schäden liegen geschätzt bei mehr als 100.000 Euro. "Wir haben schon viele Rechnungen bezahlen müssen, dank der Spenden konnten wir viele begleichen", sagt Waltraud Groten, "aber es kommen ja noch mehr! Und dann wird es schon eng." Deshalb haben sie für den zerstörten Hausrat Geld aus dem Fonds für Flutopfer beantragt.

NRW-Ministerin Scharrenbach will schneller werden

Nach Kritik auch von der SPD-Opposition im Landtag will das Land jetzt schneller werden. Das hat Bauministerin Scharrenbach mitgeteilt. So sollen bei Gebäudeschäden 40 Prozent der beantragten Summe direkt bei Bewilligung ausgezahlt werden. Bis jetzt war das anders, die Betroffenen sollten die Bewilligung erstmal vier Wochen prüfen - ohne das Geld floss. Auch die Auszahlung von Hausratsschäden soll so beschleunigt werden.

Laut der Ministerin sind mittlerweile 80 Prozent der Hilfsanträge bearbeitet, vor einer Woche seien es noch 75 Prozent gewesen.

Sechs Monate nach der Flut

NRW-Heimatministerin (2.v.r.) bei einem Besuch in Erfstadt-Blessem

Eine wichtige Änderung gibt es bei den Pauschalen für zerstörten Hausrat. Bisher gab es pro Kind 3.500 Euro extra. Das Land erhöht diesen Betrag jetzt auf 8.500 Euro, weil in Rheinland-Pfalz auch so viel bezahlt wird. Betroffene Familien, die schon abgerechnet haben könnten also Anspruch auf Nachzahlungen haben.

Beantragung ein "bürokratisches Monster"

Insgesamt stehen in NRW 12,3 Milliarden Euro bereit. Seit Mitte September 2021 können Betroffene über ein Online-Portal ihren Antrag stellen. Die Grotens, 78 und 79 Jahre alt, kamen damit überhaupt nicht zurecht:

"Das ist ein bürokratisches Monster!" Waltraud Groten

"Wir beide wären damit überfordert. Wir können zwar sagen: das und das ist kaputt – aber alles digital, das geht gar nicht! Da sind wir froh, dass unser Sohn das jetzt für uns macht", sagt Waltraud Groten

Am 6. Oktober schickte der Sohn den Antrag für seine Eltern ab – und die waren guter Dinge. Denn wenig später kam es zufällig zu einem Treffen mit NRW-Bauministerin Ina Scharrenbach: Bei einem Ortstermin in Blessem sah die Ministerin sich die Folgen der Flutkatastrophe an, blickte in den Krater am Ortsrand – und traf dort auf die Grotens. Die erzählen, wie die Ministerin bei ihnen im Wohnzimmer stand, mit ihnen in den völlig zerstörten Garten ging und sich nach dem Antrag für den Wiederaufbaufonds erkundigte.

Hoffnung auf schnelle Hilfe wurde enttäuscht

Die Grotens, so schildern sie es heute, dachten damals an die Versprechen der Politik, Menschen wie ihnen schnell und ohne viel Bürokratie zu helfen. Wenig später meldet sich dann tatsächlich ein Sachbearbeiter zum aktuellen Stand des Antrags: "Wir waren überrascht, wie 14 Tage später der Anruf kam aus Düsseldorf! Aber es ist irgendwie versickert!", so Waltraud Groten enttäuscht.

Sechs MOnate nach der Flut

Günter Groten hofft, Möbel wie diesen Schrank noch retten zu können

Sechs Monate nach der Flut wartet das Paar so weiter auf das die dringend benötigte Hilfe aus dem Wiederaufbaufonds. Das sie seit kurzem überhaupt wieder in ihrem Haus wohnen können, verdanken sie den vielen Freiwilligen, sagen die Grotens. Die hätten aufgeräumt, Estrich gestemmt, tapeziert, die Elektrik erneuert oder Möbel gespendet – ohne auch nur einmal nachzufragen.

Stand: 14.01.2022, 12:20