Hintergrund: Neusser Schützenfest ohne Frauen?

Hintergrund: Neusser Schützenfest ohne Frauen?

  • Keine Frauen im Neusser Schützenregiment
  • Erstmals weibliche Mitglieder bei Bürgerversammlung
  • In Neuss-Erfttal dürfen Frauen mitgehen

Am Samstag (24.08.2019) starten in Neuss die Umzüge des Bürger-Schützenfestes, des größten Stadtschützenfestes der Welt. In diesem Jahr marschieren mehr als 7.700 Teilnehmer bei der Königsparade den Markt hinauf. In den Reihen der Schützen: keine einzige Frau. Weibliche Teilnehmer gibt es lediglich in den Musikkapellen. Woher kommt das? Und ist das überhaupt noch zeitgemäß?

Schützen ohne Frauen sei Teil der Tradition

Die Schützentradition sei aus alten militärischen Traditionen hervorgegangen, erklärt Dr. Heinz Günther Hüsch. Er befasst sich seit vielen Jahren intensiv mit der Geschichte des Neusser Schützenfestes. Aus Respekt vor den Frauen habe man ihnen damals "den Dienst an der Waffe erspart", so Hüsch.

So entstand das Neusser Schützenfest

Die Tradition der Schützenfeste geht bis in mittelalterliche Zeiten zurück. Ziel der Veranstaltung damals war es den Bürgern das Schießen mit Waffen beizubringen. Angriffe auf viele Städte machten es nötig, dass die Bürger an der Waffe ausgebildet wurden. Diese Tradition fand ein Ende mit dem Einmarsch Napoleons, der viele Schützenvereine verbat. Nach dem Ende der französischen Herrschaft bestand keine Notwendigkeit mehr zur Verteidigung der Städte. Die Schützenvereine gründeten sich neu, ihre Feste entwickelten sich aber mehr und mehr zu den Schützenfesten, wie man sie heute kennt.

Das Neusser Schützenfest begründet sich auf die "Neusser Junggesellen Sodalität", die sich 1823 gründete und erstmals ein Schützenfest mit Umzug und Vogelschießen feierte.

Es ginge laut Hüsch also weniger um den Ausschluss von Frauen, als um das Verschonen vom Waffendienst zu damaliger Zeit. "Diese Tradition setzt man bis heute fort".

2019 erstmals Bruch mit alter Tradition

Mitte Juli sahen sich die Neusser Schützen erstmals einer Neuheit gegenüber, die auch viel diskutiert wurde. Frauen durften der traditionellen Bürgerversammlung beiwohnen. Dort wird Jahr für Jahr beschlossen, ob es in Neuss ein Schützenfest geben soll.

Bürgermeister Reiner Breuer sieht darin einen längst "überfälligen Schritt" hin zu mehr Gleichberechtigung im Schützenwesen. Er betonte aber, dass er keine Notwendigkeit nach einem "Integrationsprogramm" für Frauen sehe. Frauen, die beim Neusser Bürger-Schützenverein marschieren, kann sich der SPD-Politiker aber nicht vorstellen.

In Neuss-Erfttal dürfen Frauen marschieren

Schützenvereine, die nur männliche Mitglieder aufnehmen, sind in Neuss die Regel. Eine Ausnahme bildet der Bürger-Schützenverein im Stadtteil Erfttal. Seit 47 Jahren werden dort auch Frauen aufgenommen. "Alle Mitglieder bei uns haben die gleichen Rechte und Pflichten", erklärt Präsident Frank Buchholz.

DieMitglieder des Damencorps "Diana" marschieren in Neuss-Erfttal.

Schützinnen bei der Parade im Neusser Stadtteil Erfttal.

Etwa 30 Prozent der Mitglieder sind weiblich und zehn Damen konnten sich bereits den höchsten Titel, den der Schützenkönigin sichern. Dennoch legt man auch in Neuss-Erfttal Wert auf eine optische Trennung.

Rebecca Deuss, Schützin im Erfttaler Schützenverein, hat in diesem Jahr sogar einen neuen Zug gegründet: Die "Frechen Röskes". Einige Mitglieder des Zuges kommen aus der Innenstadt extra nach Erfttal, weil sie dort mitmarschieren dürfen.

Nachteile für Geschäftsfrauen

Viele Frauen, die sich in der Neusser Innenstadt am Schützenfest beteiligen, berichten dem WDR, dass sie mit ihrer aktuellen Rolle zufrieden sind.

Ulrike Schröter und Brigitte Hirtz-Breitmar haben keine Ambitionen einmal über den Paradeplatz zu marschieren. In ihrem Schützenzug "Jagdfalken" machen sie "alles mit, außer marschieren", berichten die zwei Damen.

Eine Frauengruppe steht auf dem Neusser Kirmesplatz und "marschiert".

Bina Kurzböck und ihre Freundinnen marschieren lieber auf dem Kirmesplatz, als im Schützenumzug.

Bina Kurzböck, die vor fünf Jahren wegen ihrer Ehe von Düsseldorf nach Neuss gezogen ist, verfolgt über die Festtage ihr eigenes Motto: "An den fünf Tagen auch mal Fünfe gerade sein lassen". Sorgen bereitet Kürzböck jedoch nur, dass es für Geschäftsfrauen in Neuss deutlich schwerer sei Anschluss zu finden, da ihnen die Möglichkeit zum Beitritt in den Schützenverein fehle.

Hamburgerin macht sich mit Schützenmotiven selbstständig

Adriana Meyen aus Hamburg hat sich in Neuss mit einer Modemarke selbstständig gemacht. Das Hauptmotiv: Die Neusser Schützen.

Adriana Meyen mit ihrem Motivshirt "Nüsser Rösken".

Adriana Meyen kommt ursprünglich aus Hamburg. Seit zehn Jahren lebt sie in Neuss und konnte sich von Anfang an für das Schützenfest begeistern.

Adriana Meyen kommt ursprünglich aus Hamburg. Seit zehn Jahren lebt sie in Neuss und konnte sich von Anfang an für das Schützenfest begeistern.

Ausgerechnet mit Motiven aus der Männerdomäne "Schützenfest" hat sie sich im letzten Jahr selbstständig gemacht. Ampelmännchen tragen auf ihren Produkten die Uniformen der Neusser Schützen.

Ihre Produkte thematisieren auch die "Nüsser Rösken". So nennen sich die Neusser Frauen während der Schützenfesttage, da sie ihren marschierenden Männern Blumen an die Uniformen stecken.

Ausgeschlossen vom Schützenfest fühlt sie sich als Frau nicht. "Ich werde zu allen Veranstaltungen eingeladen, wie die Männer auch", berichtet Meyen. Hier ist sie auf einem Blasmusik-Konzert im Vorfeld des Schützenfestes.

Ihre Schützen-Ampelmännchen sind seit Montag (19.08.2019) auch auf acht Neusser Ampeln zu finden. "Das macht die Neusser stolz", berichtet Meyen im Interview.

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