Flüchtlinge übers Mittelmeer geschleust?

Das Justizzentrum in Aachen mit dem Landgericht.

Flüchtlinge übers Mittelmeer geschleust?

Von Helga Lennartz

Die mutmaßlichen Köpfe einer international agierenden Schleuserbande stehen ab Mittwoch vor dem Aachener Landgericht. Angeklagt sind ein Mann aus Düren und eine Frau aus Essen.

Das Paar soll in der Schaltzentrale eines gut organisierten Schleusernetzwerkes gesessen haben. Wer aus dem Irak nach Deutschland flüchten wollte, musste sich laut Staatsanwaltschaft zunächst telefonisch an die beiden Angeklagten wenden. Dann wurde über den Preis verhandelt – 3.000 bis 8.000 Euro oder US-Dollar pro Person.

Dramatische Fahrt über das Mittelmeer

Nach Zahlung einer ersten Rate setzte sich die Schleuser-Maschinerie in Gang. Die Bande kümmerte sich unter anderem in Istanbul um Unterkünfte und besorgte falsche Papiere. Mit dem Taxi oder Bus ging es dann – so der Vorwurf – weiter zur türkischen Küste, wo Schlauchboote auf die Flüchtlinge warteten.

Vor den Männern, Frauen und Kindern lag eine gefährliche Reise über das Mittelmeer zu den griechischen Inseln. An Bord der Schlauchboote gab es Nichtschwimmer und zu wenig Rettungswesten, so die Ermittlungen der Polizei. Gesteuert wurden die Boote entweder von Bandenmitgliedern oder von einem Flüchtling, der dann nichts mehr für seine Schleusung zahlen musste.

100 Meter vor dem Ziel sollen die „Kapitäne“ ins Wasser gesprungen sein und die anderen Menschen ihrem Schicksal überlassen haben. Einige Schlauchboote kenterten, alle konnten sich aber ans Ufer retten.

Per Flugzeug nach Deutschland

Von den griechischen Inseln ging es mit Hilfe der Schleuserbande erst nach Athen und von dort dann weiter nach Deutschland, in einigen Fällen per Flugzeug - davon geht die Anklage aus.

Zwischen Januar 2015 und Oktober 2020 sollen die angeklagte Frau und ihr mutmaßlicher Komplize sieben solcher Touren organisiert haben. Laut Staatsanwaltschaft schleuste die Bande mindestens 21 Flüchtlinge Richtung Europa. Für den Prozess in Aachen sind bislang 25 Verhandlungstage vorgesehen. Die Urteile werden für Ende Oktober erwartet.

Stand: 22.06.2021, 17:11