Wenn die Pflege die Angehörigen überfordert

Hände eines älteren Paares

Wenn die Pflege die Angehörigen überfordert

Von Leon Kaschel

  • 600.000 Menschen in NRW werden zuhause versorgt
  • Angehörige fühlen sich oft allein gelassen
  • Psychische und körperliche Probleme als Folge

Udo Scherbart liegt schlaff in seinem Pflegebett, zuhause im heimischen Bungalow, und pustet kräftig in eine Blockflöte. Nach Musik klingt es nicht, aber immerhin kommen ein paar Töne heraus, sagt seine Frau Gudrun. Vor ein paar Monaten sei das kaum möglich gewesen.

Überlastete Angehörige in der Pflege

WDR 5 Morgenecho - Beiträge 14.12.2019 04:35 Min. Verfügbar bis 13.12.2020 WDR 5 Von WDR5

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Mit der Flöte trainiert Udo Scherbart seine Stimme. Im Februar erlitt der 80-Jährige aus Bonn erst eine Hirnblutung und dann einen Schlaganfall. Seither kann er er kaum noch sprechen und nicht mehr laufen.

Pflegende Angehörige

24 Stunden im Dienst: Gudrun Scherbart

Seine Frau Gudrun will nicht, dass ihr Mann in einem Heim lebt. Sie scheint voller Energie, ist aber auch schon 75. Sie will ihren Mann zuhause pflegen, bis sie nicht mehr kann. Dreimal am Tag hilft ein Pflegedienst dabei, Udo Scherbart aus dem Bett in den Rollstuhl und wieder zurück zu bekommen.

Doch trotz der Unterstützung: "Für mich ist das ein 24-Stunden-Dienst", sagt Gudrun Scherbart. Sie kommt kaum noch dazu, den Garten vor ihrem Haus zu pflegen oder einmal wandern zu gehen. Obwohl das ihre großen Hobbies sind.

Immer mehr Pflege in den eigenen vier Wänden

Der Fall des Bonner Paares ist einer von sehr vielen: In NRW wurden 2017 laut Statistischem Landesamt fast 600.000 Pflegebedürftige zuhause versorgt. Das sind fast 30 Prozent mehr als noch 2015.

Die Überforderung, das Gefühl, allein gelassen zu sein, der Zeitaufwand für die Pflege - all das kann gravierende Folgen haben: "Wenn Menschen keine sozialen Kontakte mehr pflegen können, weil sie ihre Angehörigen pflegen müssen, dann kommen sie in eine prekäre Lage", sagt Sigrid Leitner, Professorin für Sozialpolitik an der der TH Köln.

Gudrun Scherbart bestätigt: "Im Gefängnis ist es besser als hier, denn da kommt nochmal jemand und gibt ihnen Aufmerksamkeit." Sie selbst leide unter Schlafstörungen und Antriebslosigkeit.

Hilflosigkeit kann auch in Gewalt münden

Die Überforderung kann sogar in Gewalt münden. Natürlich eskalieren die wenigsten Fälle so wie im Juni in Meckenheim: Ein 56-Jähriger hatte seine 90-jährige pflegebedürftige Mutter im Affekt erstochen, weil er nicht mehr klarkam. Am Donnerstag (12.12.2019) wurde er wegen Totschlags verurteilt.

Doch in einer Befragung der Stiftung "Zentrum für Qualität und Pflege" gestand ein Drittel der Befragten ein, dass sie ihren Angehörigen schon psychische Gewalt angetan haben. Zwölf Prozent gaben zu, schon einmal körperliche Gewalt angewendet zu haben.

Gudrun Scherbart kann verstehen, dass manche Menschen gewalttätig werden. "Ich war auch schonmal wütend und aggressiv, weil die Dinge nicht funktionierten und ich die Situation nicht ändern konnte."

Gudrun Scherbart wünscht sich mehr Unterstützung und Aufmerksamkeit vom deutschen Pflegesystem. Für ihren Mann, aber vor allem auch für sich. "Ich möchte nicht mehr so ohnmächtig zuschauen. Ich will selbst wieder über mein Leben entscheiden."

Qualität der Pflege muss besser werden Hier und heute 25.11.2019 07:58 Min. Verfügbar bis 25.11.2020 WDR

Stand: 14.12.2019, 06:00