Polizeiseelsorger: "Diese Polizisten verlieren den inneren Kompass"

Polizeiseelsorger: "Diese Polizisten verlieren den inneren Kompass"

Welchen Belastungen sind Polizisten jeden Tag ausgesetzt? Können diese Erlebnisse dazu führen, dass sie rechtsextreme Einstellungen entwickeln? Ein Gespräch mit einem Polizeiseelsorger.

Experten gehen davon aus, dass Polizisten, die rechtsextreme Tendenzen entwickeln, dies nicht während ihrer Ausbildung tun. Diese Radikalisierung findet demnach vor allem im Arbeitsalltag statt. Ein Gespräch mit dem Landespolizeipfarrer Dietrich Bredt-Dehnen.

WDR: Herr Bredt-Dehnen, Sie arbeiten seit zehn Jahren als Polizeiseelsorger. Sind sie dafür beim Land angestellt?

Dietrich Bredt-Dehnen: Nein, ich bin Pfarrer der Evangelischen Kirche im Rheinland, die mich für meine Arbeit als Polizeiseelsorger freistellt. Das ist auch wichtig, damit ich unabhängig bin und mit den Beamten und Beamtinnen über alles sprechen kann, was ihnen auf dem Herzen liegt.

WDR: Über was sprechen die Polizisten mit Ihnen?

Dietrich Bredt-Dehnen: Natürlich sind wir im Einsatz, wenn es sogenannte Großschadenslagen wie das Loveparade-Unglück 2010 in Duisburg oder den Germanwings-Absturz 2015 gibt. Aber im Großteil unserer Gespräche geht es um die alltägliche Arbeit. Um die psychischen Belastungen, denen die Beamten jeden Tag ausgesetzt sind.

WDR: Sind diese denn so groß?

Dietrich Bredt-Dehnen: Definitiv. Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einem SEK-Beamten, also jemandem, der im Einsatz ist, wenn eine Situation richtig brenzlig wird. Er sagte mir: "Den wirklich gefährlichen Job mache nicht ich, den machen die Kollegen, die jeden Tag auf Streife gehen."

WDR: Wieso ist das so?

Dietrich Bredt-Dehnen: Diese Polizisten kommen jeden Tag in Situationen, die man nicht vorhersehen kann. In denen alles passieren kann. Sie finden eine Leiche oder müssen den Streit in einer Familie schlichten, bei dem womöglich ein Kind geschlagen wurde. Und vor allem müssen sie wichtige Entscheidungen innerhalb von Sekunden treffen, ohne dass sie sich mit einem Vorgesetzten oft noch nicht mal mit ihrem Partner absprechen können.

WDR: Das stelle ich mir sehr fordernd vor. Aber inwiefern kann das dazu führen, dass die Beamten sich radikalisieren?

Dietrich Bredt-Dehnen: Dafür muss man die Situationen spezifizieren. Es gibt Polizisten auf bestimmten Wachen, die geraten bei ihren Einsätzen immer wieder an dieselben Bevölkerungsgruppen und Milieus, die ihnen mit Respektlosigkeit und Gewalt begegnen. Auf Dauer kann das dazu führen, dass das Weltbild der Beamten aus den Fugen gerät.

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WDR 2 18.09.2020 03:17 Min. Verfügbar bis 18.09.2021 WDR Online

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WDR: Was hat das zur Folge?

Dietrich Bredt-Dehnen: Den Polizisten geht der innere Kompass verloren, was nicht passieren dürfte. Sie können nicht mehr richtig differenzieren und entwickeln eine Abneigung gegenüber ganzen Bevölkerungsgruppen. Ich habe schon mit Beamten gesprochen, die merkten, wie sie sich veränderten, obwohl sie das nicht wollten.

WDR: Was unternehmen Sie in solchen Fällen?

Dietrich Bredt-Dehnen: Wir versuchen die Polizisten zu sensibilisieren, erteilen ihnen aber keine Ratschläge. Allerdings würden wir es befürworten, wenn gerade Beamte auf sogenannten Schwerpunktwachen nie zu lange am Stück dort ihren Dienst verrichten. Und wir unterstützen es sehr, wenn eine offene Gesprächsatmosphäre vorherrscht, in der man ehrlich miteinander über seine Erfahrungen sprechen kann.

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WDR: Glauben Sie, es gibt einen direkten Zusammenhang zwischen Erlebnissen, wie Sie sie schildern, und der Entwicklung von rechtsextremen Tendenzen?

Dietrich Bredt-Dehnen: Da spielen sicher mehrere Elemente eine Rolle und solche Erlebnisse können eines davon sein. Aber genau wissen wir das nicht. Auch, weil es so gut wie keine Studien dazu gibt. Die überwältigende Mehrheit der Polizistinnen und Polizisten bleiben ja absolut gefestigt. Eine Untersuchung von Experten zu diesem Thema würden wir bei der Polizeiseelsorge sehr begrüßen.

Das Gespräch führte Jörn Kießler

Stand: 18.09.2020, 13:56