Rechter Terror in Hanau: "Einer hat geschossen, viele haben ihn munitioniert"

Rechter Terror in Hanau: "Einer hat geschossen, viele haben ihn munitioniert"

Von Jörn Kießler

  • SPD macht AfD mitverantwortlich für Anschlag in Hanau
  • AfD spricht von "irrem" Einzeltäter
  • Psychologe: "Rechte Ideologien sprechen Menschen mit psychischen Problemen an"

Nach dem Attentat von Hanau, bei dem ein 43-Jähriger zehn Menschen und dann sich selbst tötete, macht SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil die AfD mitverantwortlich für die Morde. "Es war einer, der in Hanau geschossen hat, aber es waren viele, die ihn munitioniert haben", sagte der Politiker im Interview mit dem ARD-Morgenmagazin. Dazu gehöre "definitiv die AfD", die das gesellschaftliche Klima in den vergangenen Jahren vergiftet habe.

Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) bezeichnet die Tat als "dritten rechtsterroristischen Terroranschlag in wenigen Monaten". Die AfD widerspricht. "Das ist weder rechter noch linker Terror, das ist die wahnhafte Tat eines Irren", erklärte der Parteivorsitzende Jörg Meuthen.

Rechte Ideologien versprechen einfache Lösungen

Die Gesinnung des Täters kann laut dem Psychologen Ulrich Wagner auch mit dessen psychischen Problemen zusammenhängen. "Gerade Menschen, die Probleme haben oder sich in einer kritischen Situation wähnen, bieten rechte Ideologien einfache Lösungen an", sagt der Wissenschaftler, der sich an der Universität Marburg auch mit Persönlichkeitsmerkmalen von Rechtsextremen beschäftigt.

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Unter anderem gehöre es zu diesen Ideologien, Sündenböcke zu schaffen, die dann für die eigenen Probleme verantwortlich gemacht werden. Dies werde auch dadurch begünstigt, dass ein typisches Kriterium rechter Weltbilder das "Unten" und das "Oben" sei. "Dabei wird unterschieden zwischen Menschen, die mehr und anderen die weniger wert sind", erklärt Wagner.

Abwertung in den Parlamenten

Dieses Bild werde durch rechte Parteien weiter verbreitet, sagt die Journalistin Karolin Schwarz. "Wir sehen, dass auch in den Parlamenten ganze Gruppen, die von Diskriminierung betroffen sind, abgewertet werden", sagte die Autorin des Buches "Hasskrieger. Der neue globale Rechtsextremismus" dem WDR. "Und das ist eben auch eine Grundlage für Gewalt gegenüber diesen Gruppen."

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Dazu komme, dass sich gerade durch Parteien wie die AfD das "Fenster des Sagbaren" verschiebe. "Das bringt Menschen dann dazu, solche Dinge wie in Hanau zu tun", sagt Wagner.

Radikalisierung kann "von jetzt auf gleich" passieren

Auch wenn solche Attentäter – wie in Hanau – allein handelten und auf den ersten Blick gesellschaftlich isoliert wirkten, könne man laut Schwarz eigentlich nicht mehr von Einzeltätern sprechen, da sie vor allem im Internet extrem viel Kontakt zu Gleichgesinnten hätten. "Wir haben da ein großes ausdifferenziertes Spektrum rechtsradikaler Milieus", sagt die Journalistin.

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Wie schnell potentielle Täter sich dort so sehr radikalisieren, dass sie zur Waffe greifen, lässt sich laut Psychologe Wagner nicht eindeutig sagen. "Das kann über einen längeren Zeitraum gehen oder – gerade bei psychisch kranken Menschen: von jetzt auf gleich."

Stand: 21.02.2020, 16:59