Verdacht auf Terrorfinanzierung: Zehn Verdächtige nach NRW-Razzia in U-Haft

Verdacht auf Terrorfinanzierung: Zehn Verdächtige nach NRW-Razzia in U-Haft

Von Boris Baumholt

In 23 Städten in Nordrhein-Westfalen haben am Mittwoch Razzien gegen eine Bande mutmaßlicher Geldschleuser stattgefunden. Zehn Beschuldigte sind jetzt in U-Haft, darunter auch islamistische Gefährder. Auslöser der Geschichte: ein Turnbeutel.

Manchmal sind es Zufälle, die die Polizei auf die Spur einer ganz großen Geschichte bringen. So schildert es ein Ermittler dem WDR. In diesem Fall waren es ein Unfall und ein Turnbeutel, die den Fahndern zu einem großen Coup verhalfen. Doch dazu später mehr.

Am Mittwochmorgen durchsuchten mehr als 1.400 Einsatzkräfte von Polizei, Staatsanwaltschaft und Steuerfahndung bei einer großen, bundesweiten Razzia mehr als 80 Wohnungen und Büros in NRW, Niedersachsen und Bremen.

Im Fokus der Ermittler: 67 Beschuldigte im Alter von 18 bis 67 Jahren, die Mitglieder in einem seit 2016 agierenden, internationalen Geldwäsche- und Hawala-Netzwerk sein sollen. Ihnen wird unter anderem räuberische Erpressung, Drogenhandel, Geldwäsche, Terrorfinanzierung, Betrug und illegale Finanzgeschäfte vorgeworfen.

"Paukenschlag" in der organisierten Kriminalität

Reul und Biesenbach stehen am Pult bei einer Pressekonferenz

NRW-Justizminister Peter Biesenbach und NRW-Innenminister Herbert Reul (beide CDU) zogen nach dem Großeinsatz eine durchweg positive Bilanz. Biesenbach sprach von einem "Paukenschlag" gegen die organisierte Kriminalität und Reul von "einem der größten Verfahren" in seiner Amtszeit. "Wir haben unter anderem der Terrorfinanzierung heute einen extrem ergiebigen Geldhahn abgedreht. Aber auch der unrechtmäßig persönlichen Bereicherung der Täter haben wir ein Ende gesetzt. Und das war möglich, weil eine konzentrierte, erfolgreiche Aktion gegen organisierte Kriminalität gestartet wurde."

Bei der Großrazzia wurden einmal 800.000 Euro und einmal 500.000 Euro Bargeld beschlagnahmt, teilte die Staatsanwaltschaft Düsseldorf am Mittag mit. Außerdem konnten die Polizisten Luxusautos und eine sehr teure Stereoanlage sicherstellen. Insgesamt wurden Gegenstände im Wert von fast fünf Millionen Euro sichergestellt. 14 Konten wurden laut Staatsanwaltschaft eingefroren.

Auch islamistische Gefährder festgenommen

Insgesamt konnten die Ermittler elf Verdächtige festnehmen. Die beiden Hauptverdächtigen kommen aus Düsseldorf und Mönchengladbach. Einer verdächtigen Person wird die Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung im Ausland vorgeworfen. Zwei der Beschuldigten gelten als islamistische Gefährder und vier weitere werden dem islamistischen Spektrum zugerechnet.

Zehn der Festgenommenen kamen in Untersuchungshaft. Lediglich in einem Fall habe der Haftrichter den Haftbefehl außer Vollzug gesetzt, teilten die Behörden am Donnerstag mit.

Die Polizei konnte am Mittwoch außerdem zwei Männer verhaften, die im Mai 2020 durch einen Zufall die Ermittlungen ins Rollen gebracht hatten.

Alles begann mit 300.000 Euro in einem Turnbeutel

Denn angefangen hatte nach WDR-Informationen alles am 28. Mai 2020 auf der A61. Bei der Ausfahrt Kaldenkirchen kommt ein Auto von der Fahrbahn ab und landet im Graben. Eine Streife des Zolls ist zufällig in der Nähe und will helfen. Die Beamten treffen auf zwei Männer, die leicht verletzt sind, aber augenscheinlich gar keine Hilfe wollen. Die Zollbeamten merken schnell, dass hier offenbar etwas nicht stimmt, und schauen sich den Wagen genauer an.

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Die große Überraschung: Sie entdecken im Auto einen Turnbeutel mit etwa 300.000 Euro. Angeblich soll es sich um Drogengeld aus den Niederlanden handeln, heißt es aus Ermittlerkreisen später. Das Geld sollte wohl über ein illegales Bankensystem in Ausland gebracht werden, dem sogenannten Hawala-Banking.

Kontakte zu syrischer Terrorgruppe

Die Insassen des Unfallwagens werden überprüft und mindestens einer der beiden ist nach WDR-Informationen für die Polizei kein unbeschriebenes Blatt. Der Syrer Halid A. ist schon länger im Visier der Behörden. Er soll IS-Kämpfer in der syrischen Provinz Idlib unterstützt haben. Die Verdachtsmomente reichten bis dahin aber wohl nicht für einen Haftbefehl.

Doch jetzt nehmen die Ermittler A. und seinen Mitfahrer, den deutschen Konvertiten Manfred T., genauer unter die Lupe, hören Telefone ab und ermitteln monatelang verdeckt. Sie stellen fest, dass beide Verdächtige offenbar Teil einer größeren Gruppe sind, die unter anderem bei Flüchtlingen in Deutschland Geld einsammelt haben, um es in die Türkei oder nach Syrien zu bringen. Manche Flüchtlinge möchten damit offenbar ihre Familien unterstützen. A. und seine Gruppe kassieren für die Geldtransfers eine Provision.

Millionen aus offenbar kriminellen Geschäften

Die Ermittler gehen davon aus, dass die Verdächtigen offenbar nicht nur ein paar tausend Euro an Familien von Flüchtlingen transferiert haben, sondern dass in dem System etwa 140 Millionen Euro bewegt wurden.

So funktioniert das Hawala-Banking

Beim Hawala-Banking handelt es sich um eine Art Schattenbanksystem. Es gibt sogenannte Einzahlstellen in Deutschland und den Niederlanden und Auszahlstellen in Syrien und der Türkei. Der Geldtransfer läuft in wenigen Minuten. Nachdem in Deutschland die Kunden ihr Geld eingezahlt haben, wird per WhatsApp die Auszahlstelle angewiesen, das Geld dort an die Kunden auszuzahlen. So laufen offenbar hunderte Transfers ab, rekonstruieren die Ermittler. Das eingezahlte Geld stamme unter anderem aus Drogengeschäften und andere kriminellen Machenschaften, berichten Ermittler dem WDR. Es würde auch mal ein Schlägertrupp zum Geldeintreiben losgeschickt.

Der Lkw-Trick

Aber wie kommt das Geld nun genau in die Türkei oder nach Syrien? Der Bargeldtransfer über Land ist oft riskant. Deshalb nutzen die "Hawaladare" oft andere Methoden. Entweder wird von dem eingezahlten Geld in Deutschland Gold gekauft, in die Zielländer gebracht und dort wieder verkauft. Oder es werden mit dem Geld in Deutschland Lkw gekauft, diese werden exportiert und in den Zielländern wieder verkauft. Deshalb standen bei den Razzien in der Nacht zu Mittwoch besonders Speditionen und Logistikfirmen im Fokus.

Terrorverdacht soll weiter ermittelt werden

Wie genau mit dem Geld auch Terrororganisationen in Syrien unterstützt werden, ist noch nicht abschließend geklärt und noch Teil der Ermittlungen. Für die Straftatbestände Geldwäsche, Betrug und illegale Bankgeschäfte hätten die Ermittler aber hinreichende Beweise, heißt es. Bei den Razzien sind am Morgen zahlreiche Beweismittel sichergestellt worden. Den Turnbeutel mit den 300.000 Euro hatten die Beamten schon damals beschlagnahmt.

Stand: 07.10.2021, 15:49