Fünf Kinder ermordet: "Es sah aus, als würden sie schlafen."

Eingang zum Landgericht in Wuppertal

Fünf Kinder ermordet: "Es sah aus, als würden sie schlafen."

Im Prozess um den Mord an fünf Kindern in Solingen haben die Polizisten ausgesagt, die als erstes am Tatort eintrafen. Sie berichten von einer "Ausnahmesituation".

Im Prozess um den Mord an fünf Kindern in Solingen haben am Montag (21.06.21) die Polizisten ausgesagt, die als erste am Tatort eintrafen. Ein 28 Jahre alter Beamter berichtete am Montag dem Wuppertaler Landgericht, er habe an der Wohnung mehrfach geklingelt, geklopft und gerufen. Nachdem keine Reaktion erfolgte, habe er die Tür aufgetreten. Vorsichtshalber hätten er und seine Kollegen zur Eigensicherung die Fenster der Wohnung geöffnet, weil sie zunächst nicht ausschließen konnten, dass die Kinder mit Gas umgebracht wurden. Unter einem Stapel Decken habe er dann kleine Füße herausragen sehen. Bei dem kleinen Jungen, dem sie gehörten, habe er die Leichenstarre festgestellt, außerdem habe die Haut bereits Totenflecken aufgewiesen. Er habe dennoch versucht, den Puls des Kindes zu ertasten. Dann hätten sie noch vier weitere Kinderleichen entdeckt. Kampfspuren hätten sie nicht gefunden.

Polizist: So etwas habe ich noch nicht erlebt

Die Beamten sagten aus, sie hätten die Information gehabt, die Großmutter der Kinder habe die Polizei alarmiert und angegeben, ihre Tochter habe die Kinder umgebracht. "Das war eine Ausnahmesituation für mich, ich habe so etwas noch nicht erlebt", sagte ein 24 Jahre alter Polizist. "Es sah aus, als würden die Kinder schlafen." Aber bei keinem der Kinder hätten sie Lebensanzeichen entdecken können. Er habe ein Handtuch weggenommen, dass auf dem Kopf eines Kindes lag. Ansonsten habe er nichts verändert. Spuren eines Kampfes hätten sie in der Wohnung nicht gesehen, sagten die Beamten aus. Um das Spurenbild am Tatort nicht zu verunreinigen, hätten sie sich rasch zurückgezogen. Die Beamten konnten sich aber nicht mehr daran erinnern, ob die Wohnungstür abgeschlossen, oder nur zugezogen war.

Mutter: Unbekannter hat meine Kinder getötet

Auf der Anklagebank des Wuppertaler Landgerichts muss sich die 28-jährige Mutter der Kinder wegen fünffachen heimtückischen Mordes verantworten. Sie soll die Kinder betäubt und dann erstickt, erwürgt oder ertränkt haben. Die Frau hat die Tat bestritten. Ein Unbekannter sei in ihre Wohnung eingedrungen, habe sie gefesselt, geknebelt und dann ihre Kinder getötet.

Die Ermittler hatten diese Version als Schutzbehauptung zurückgewiesen. Es gebe keine Spuren oder Hinweise auf den ominösen Unbekannten, obwohl man der Schilderung nachgegangen sei.

Ältester Sohn blieb unverletzt

Der Deutschen droht lebenslange Haft. Die Leichen der Kinder waren am 3. September 2020 entdeckt worden: Melina (1), Leonie (2), Sophie (3), Timo (6) und Luca (8). Ihre Mutter hatte sich nach der Tat im Düsseldorfer Hauptbahnhof vor einen Zug geworfen, aber überlebt. Ihr ältester Sohn blieb unverletzt. Seine Mutter hatte ihn zur Großmutter an den Niederrhein geschickt.

Angeklagte schweigt vor Gericht

Vor Gericht schwieg die Angeklagte selbst bisher zu denTatvorwürfen - sie hat aber mit einer Psychologischen Gutachterin gesprochen - auch über den Tattag. Am Donnerstag (17.06.2012) berichtete die psychologische Gutachterin von ihren Gesprächen mit der Angeklagten.

Den Schilderungen der Angeklagten zufolge sei es so gewesen: Am Morgen des Tattages habe sie gerade Frühstück für alle gemacht, als es an der Tür klopfte. Da habe er dann gestanden, der fremde Mann, der "die ganze Zeit weiße Handschuhe trug". Er habe nach Medikamenten gefragt. Die Angeklagte habe die dann ihren Kindern geben müssen.

Drohungen des fremden Mannes 

Den Kindern habe der fremde Mann gesagt, sie sollten die "Bonbons" essen, sonst passiere ihrer Mutter etwas Schlimmes. Den Chat-Verkehr mit ihrem Ex-Mann und ihrer Mutter habe sie weiterführen sollen, so dessen Befehl, "als wenn nichts sei." Dann habe der Mann sie gefesselt.

Später - wohl als die Kinder tot waren - habe sie die Wohnung verlassen können, ihren ältesten Sohn telefonisch aus der Schule geholt. Leben ohne ihre Kinder habe sie nicht mehr gewollt, dann aber sich eigentlich doch nicht mehr umbringen wollen. Im Düsseldorfer Bahnhof hatte die Angeklagte einen Suizid-Versuch unternommen.

Viele Ungereimtheiten 

Woher der Mann denn kommen könne, habe die Psychologin gefragt. Der könne von einem Erotikportal stammen, auf dem sie und ihr Mann in der Vergangenheit ab und an mal Fotos von sich gepostet hätten, habe die Angeklagte gemutmaßt.

Warum der fremde Mann gekommen sei, habe die Angeklagte laut Gutachterin aber wohl ebenso wenig erklären können wie das, was der Fremde gesagt haben soll: "Ich mache dein Leben kaputt, so wie du meins". Einen Sinn ergaben die zitierten Aussagen der angeklagten Mutter für die Zuhörer nicht.

Sechs Kinder - aber ein ruhiges Leben 

Das Familienleben vor der Tat schilderte die Angeklagte der Psychologin nach deren Aussage vor Gericht als problemlos - bis auf viele Streitigkeiten und mehrere Trennungen mit ihrem Ehemann.

Die Angeklagte habe ihre sechs Kinder als aufgeweckt und "pflegeleicht" beschrieben. "Sie waren immer gesund, hatten keine Riesenwünsche. Der Kühlschrank war immer voll, sie mussten keine Abstriche machen." Erschöpft oder müde sei sie in ihrer Mutterrolle nie gewesen.

Für den Prozess vor der Schwurgerichtskammer sind zunächst elf Verhandlungstage bis Mitte August angesetzt.

Stand: 21.06.2021, 14:36