Prozess um Solinger Kindermorde: "Wir werden uns nicht wiedersehen"

Justitia

Prozess um Solinger Kindermorde: "Wir werden uns nicht wiedersehen"

Von Wolfram Lumpe

Im Prozess um die Kindermorde von Solingen haben Lehrerinnen des überlebenden ältesten Sohns ausgesagt. Seine Mutter muss sich vor Gericht wegen fünffachen Mord verantworten.

Der 11-Jährige war am Tattag im September vergangenen Jahres von seiner Mutter mit einem Anruf aus dem Unterricht geholt worden. Begründung der Angeklagten: Ein naher Verwandter sei gestorben. Den Anruf der Angeklagten schilderte die Konrektorin der Schule des Jungen als "nicht aufgeregt".

Mutter holte Sohn aus der Schule  

Gaben auf dem Boden

Gegen Mittag verlässt der 11-Jährige die Schule. Nur wenig später überschlagen sich dort die Ereignisse: Einerseits wird bekannt, dass in Solingen fünf tote Kinder gefunden werden. Dann treffen WhatsApp-Nachrichten des Jungen ein, unter anderem bei seiner Klassenlehrerin: "Hallo ich bin’s, M., ich wollte nur sagen, dass wir uns nicht wiedersehen, alle meine Geschwister sind tot. Es gab einen Autounfall."

Das aber, so die Konrektorin, habe sie nicht geglaubt, in ihr seien Zweifel aufgekommen. "Möglicherweise habe ich mit einer Frau telefoniert, die ihre Kinder umgebracht hat, das war später so ein Gefühl. Ich kann nicht sagen, wo es her kam, eine Intuition, nicht begreifbar", so die Aussage der Konrektorin.

Umgang mit dem Unfassbaren

Ein wenig Beruhigung habe am Tattag dann die Meldung der Polizei gebracht, dass der 11-Jährige in Sicherheit bei der Großmutter sei. Bis zum nächsten Tag sei dann durch Medien-Berichte klar geworden, was sich in der Wohnung in der Hasselstraße ereignet hatte. Die Schule habe sofort reagiert, auch im Sinne seiner Mitschüler: Schulsozialarbeiter und der Schulpsychologischen Dienst seien angefordert worden.

Das war wohl auch nötig, weil der Junge auch in einen Chat der Klasse geschrieben hatte, dass seine Geschwister tot seien und er nicht mehr wieder käme.

Missbrauch in der Kinderheit der Angeklagten?

Die angeklagte Mutter mit einem ihrer Verteidiger

Die angeklagte Mutter mit einem ihrer Verteidiger

Eine weitere Lehrerin sagte am vierten Prozesstag aus. Sie war drei Jahre lang Lehrerin der Angeklagten. Diese sei zunächst eine unauffällige, gute Schülerin gewesen. Dann aber habe sie häufig gefehlt. Ein schwarz gekleideter Mann würde sie immer wieder verfolgen, habe sie als Grund angegeben.

Die Schule sei damals darauf gekommen, dass sexueller Missbrauch die Ursache für das Verhalten der Jugendlichen sein könnte. Schließlich habe man die heute Angeklagte bei einer Kinder- und Jugendpsychiatrie vorgestellt. Dort hätte sie stationär für mehrere Wochen bleiben sollen. Die Eltern hätten das abgelehnt und ihre Tochter an einer anderen Schule angemeldet.

Die sichtlich bewegte Lehrerin am Ende ihrer Aussage: "Ich frage mich, ob nicht alles mit ihr anders gelaufen wäre, wenn das mit der Psychiatrie damals geklappt hätte."

Für den Prozess vor der Schwurgerichtskammer sind zunächst elf Verhandlungstage bis Mitte August angesetzt.

Stand: 23.06.2021, 16:26

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