Dach einer Kirche mit Kreuz

Prozess gegen Gummersbacher Priester: Immer mehr Betroffene

Stand: 26.01.2022, 11:31 Uhr

Im Prozess gegen einen Priester, dem sexueller Missbrauch vorgeworfen wird, melden sich immer noch weitere Betroffene. Dabei kam es im Gericht vor kurzem zu einer seltenen Situation.

Von Markus Schmitz

Im Prozess gegen den Priester Ue. am Landgericht Köln gab es eine überraschende Szene. An einem Verhandlungstag in der vergangenen Woche fiel dem Vorsitzenden Richter Christoph Kaufmann im Zuschauerraum eine junge Frau auf, die weinte. Der Vorsitzende Richter schildert die Situation weiter: "Weil die junge Frau so stark bewegt war, habe ich sie gefragt, ob sie auch Betroffene sei." Daraufhin habe die Frau genickt. Inzwischen hat sie sich bereit erklärt, auch offiziell als Zeugin im Prozess auszusagen.

Dieser außergewöhnliche Moment ist bezeichnend für dieses Verfahren. Seit dem Beginn am 23. November 2021 haben sich immer wieder Opfer über verschiedene Wege gemeldet. 

 Weitere Betroffene meldeten sich nach Berichterstattung

In einigen Fällen nahmen Betroffene Kontakt mit der Polizei, der Staatsanwaltschaft, mit den Medien oder direkt mit dem Landgericht auf. Viele Frauen erkannten den Angeklagten in Medienberichten, obwohl er am ersten Prozesstag sein Gesicht verdeckt hatte. Andere fanden sich in der Beschreibung der Vorwürfe, die bislang bekannt waren,  wieder: Dass er zum Beispiel an den Wochenenden Mädchen als Übernachtungsgäste hatte und sich währenddessen an ihre vergangen haben soll. Oder,  dass er mit Mädchen ins Schwimmbad ging.

Die junge Frau, die von dem Richter im Gerichtssaal angesprochen wurde und demnächst als Zeugin aussagen wird, stellte dem Gericht vorab ein, so wie es der Vorsitzende Richter nannte, "kleines Paket mit Briefen zur Verfügung, die der Angeklagte vor Jahren an die Zeugin geschickte haben soll". Diese Briefe ließ das Gericht kopieren und an die Prozessbeteiligten verteilen. Der Angeklagte blätterte die kopierten Seiten sofort nach Erhalt durch.  

Gericht geht auf Bedürfnisse von Zeuginnen ein

Am vergangenen Freitag hatte eine Zeugin ihre Erlebnisse mit dem Angeklagten geschildert. Sie  bestand allerdings darauf, dass der Angeklagte nicht dabei ist. Der 70-jährige Priester wurde dafür in einen Nachbarraum geführt, in dem er die Aussage der Zeugin hören konnte. Das Gericht hat mit Hilfe von Justizvollzugsbeamten penibel darauf geachtet, dass sich Zeugin und Angeklagter auch nicht auf den Fluren begegnen. Sichtkontakt wurde vermieden. Andere Zeuginnen wollten als Vorbereitung für ihre Aussage vorab den Verhandlungssaal sehen.

Bei fast allen Aussagen von Zeuginnen, die schwere Vorwürfe an den Angeklagten richten, ist die Öffentlichkeit ausgeschlossen. Informationen vom Gericht gibt es dazu nicht. Somit ist momentan nicht bekannt, wie viele weitere Opfer es gibt.

Der Prozess begann mit den Vorwürfen, dass Priester Ue. seinen drei Nichten und einem weiteren Mädchen sexualisierte Gewalt angetan haben soll. Mittlerweile muss sich die Zahl der Betroffenen mindestens verdoppelt haben.