Kölner Polizei ermittelt: Schüler verbreiten Videos von sexueller Gewalt an Kindern

Smartphone und Schule: Klassenchats

Kölner Polizei ermittelt: Schüler verbreiten Videos von sexueller Gewalt an Kindern

Die Kölner Polizei leitet immer häufiger Ermittlungsverfahren gegen Schüler ein, weil sie Videos und Fotos von schweren sexuellen Gewalttaten an Kindern verbreiten.

Laut Polizei ist das Motiv der Schüler oft der Wille, sich wichtig zu machen oder dazugehören zu wollen. Wenn die Polizei Hinweise auf Videos oder Fotos von sexuellen Gewalttaten an Kindern bekommt, müssen die Beamten Ermittlungen einleiten. Denn der Besitz und das Verbreiten von „kinder- und jugendpornografischen“ Aufnahmen sind schwere Straftaten.

Das ist vielen Schülern, die solche Videos oder Fotos auf dem Handy haben, nicht bewusst. Die Kölner Polizei bietet Präventionsprojekte für Schulen und Aufklärung für Lehrer an. Trotz allem steigt die Zahl der Schüler, die sich strafbar machen.

Schüler finden Aufnahmen „witzig“

Auf den Schreibtischen von Britta Adam und Jorris Heidemeier liegen Handys, Festplatten und USB-Kabel aller gängigen Formate. Die beiden Kriminaloberkommissare sichern Daten aus Chatverläufen von Schülern. Es sind Nacktaufnahmen, die Schüler untereinander austauschen, bis hin zu Videos, die Vergewaltigungen von Kleinkindern zeigen.

Einige Schüler sagen uns, dass sie die Aufnahmen witzig fanden und sie deshalb weitergeschickt haben“, berichtet Kriminaloberkommissarin Britta Adam. „Dass sie Straftaten begehen, wenn sie Fotos oder Videos auf ihren Handys speichern oder sie weiterschicken, wissen viele nicht.“

Polizei kann Teilnehmer von Chat-Gruppen identifizieren

Wenn die Polizei Hinweise auf Chat-Gruppen bekommt, in denen Videos und Fotos von sexueller Gewalt an Kindern ausgetauscht werden, kann sie inzwischen oft relativ schnell die Teilnehmer identifizieren. Die Polizei hat seit dem Missbrauchsfall von Bergisch Gladbach technisch stark aufgerüstet und Beamte zu Experten im Internet und in sozialen Netzwerken ausgebildet.

Kriminaloberkommissar Jorris Heidemeier wertet Daten eines Schülers aus

Kriminaloberkommissar Jorris Heidemeier wertet Daten eines Schülers aus

„Viele Schüler denken, dass sie anonym im Netz unterwegs sind“, sagt Kriminalpolizist Jorris Heidemeier. „Sie sind aber nicht anonym. Alles, was sie verbreiten und empfangen, kann die Polizei erkennen und dann Strafverfahren einleiten.“

Eltern fallen aus allen Wolken

Wenn die Polizei Handys, Memory-Sticks  und Festplatten bei den Schülern beschlagnahmt, reagieren manche bestürzt. „Andere sind vollkommen abgeklärt, denken offenbar, ihnen könne nichts passieren, weil sie die Aufnahmen ja nur abgeschickt hätten“, sagt Britta Adam. 

Die Eltern fielen aus allen Wolken, wenn sie erfahren, was ihren Kindern vorgeworfen wird. „Sie wissen meist nicht, was ihre Kinder so alles auf ihren Handys haben“, berichtet Oberkommissarin Britta Adam. „Die Handys sind in vielen Familien Privatsphäre der Kinder, da dürfen die Eltern nicht draufgucken.“

Schülern ist meist nicht bewusst, wie sehr Opfer sexueller Gewalt leiden

Da fehle Medienkompetenz, sagen die Polizisten - sowohl bei den Schülern als auch bei den Eltern. Den Schülern sei oft nicht klar, was hinter den Fotos und Videos steckt. „Wir müssen denen erstmals bewusst machen, dass da ein schwerer Missbrauch eines Kindes dahinter steht, dass ein Kind dafür gelitten hat oder noch immer leidet. Wenn das bei den Schülern ankommt, gibt es oft Tränen.“

Anstieg von Straftaten seit Beginn der Corona-Pandemie

Nach Ansicht der Beamten hat die Corona-Pandemie die Verbreitung von Aufnahmen sexueller Gewalt unter Schülern verstärkt. Die Schüler seien mehr denn je auf soziale Netzwerke angewiesen. „Die Entwicklung hat aber vorher schon angefangen“, sagt Jorris Heidemeier.  „Der Boom der sozialen Netzwerke in den vergangenen Jahren hat dazu geführt, dass es große Chatgruppen gibt, in denen ich so ein Material schnell beziehen kann, ohne große Mühe. Wir stellen uns auf weiter steigende Zahlen ein.“

Genaue Zahlen zu den Verfahren gegen Schüler kann die Polizei nicht nennen, weil in den Statistiken zu diesem Delikt das Alter der Tatverdächtigen nicht erfasst werde.

Mehrere Terrabyte Daten bei Schülern sichergestellt

Mehrere Smartphones liegen auf einem Schreibtisch

Die Polizei stellt Smartphones von Schülern sicher, um Chatverläufe zu sichten

Allein im vergangenen Jahr hat die Kölner Polizei bei Schülern mehrere Terrabyte Fotos und Video sichergestellt, die jetzt ausgewertet werden müssen. Wer die Aufnahmen produziert und ins Netz gestellt hat, lässt sich oft nicht mehr nachvollziehen. Wenn es Hinweise gibt, dass Kinder weiterhin sexueller Gewalt ausgesetzt sind, versucht die Polizei mit großem Aufwand Täter und Opfer zu identifizieren.

Unterrichtfach „Medienkompentenz“ sei notwendig

Kriminalhauptkommissar Dirk Beerhenke nimmt regelmäßig an Informationsveranstaltungen für Lehrer, Schüler oder Eltern zum Thema „Soziale Netzwerke teil“: „Da geht es nicht nur um Kinderpornografie. Da geht es auch um Rassismus oder um Tierquälerei, die mit Bildern verbreitet werden“. 

Der Umgang mit dem Internet und den sozialen Netzwerken werde in vielen Schulen zu selten thematisiert. „Die Schüler bekommen zu wenig Infomation und sie erfahren nichts über Regeln“, sagt Beerhenke, der bei der Kölner Polizei für das Kommissariat Vorbeugung im Einsatz ist. „Deshalb wäre es gut, wenn es ein Schulfach gäbe, in dem das vermittelt wird: Wie verhält man sich im Netz? Wie geht man miteinander um? Wie bedient man das?“

Von Klassenstufe 4 an müsse es regelmäßigen Unterricht über Medienkompetenz geben. Denn in dem Alter hätten schon viele Kinder Smartphones und sie stünden „vor dem großen unbewachten Tor zur weiten Welt“, sagt Beerhenke und seien damit auch allen Risiken ausgesetzt.  Auch dem Risiko, zum Straftäter zu werden.

Sofort reagieren, um Strafverfahren abzuwenden

„Viele Schüler wissen nicht, dass sie sofort etwas unternehmen müssen, wenn sie Aufnahmen von sexuellem Missbrauch von Kindern oder Jugendlichen zugeschickt bekommen“, sagt Kriminaloberkommissarin Britta Adam. „Wenn sie nicht reagieren, machen sie sich strafbar. Denn schon der Besitz solcher Aufnahmen ist eine Straftat.“

Nur Schüler, die dem Absender sofort mitteilen, dass sie solche Aufnahmen nicht bekommen wollen, hätten eine Chance, einem Strafverfahren zu entgehen. Das allein reiche aber noch nicht aus, sagt Ermittlerin Adam: „Gleichzeitig müssten die Schüler auch Lehrer oder Eltern informieren und Anzeige bei der Polizei erstatten.“ 

Stand: 01.07.2021, 07:56