Stefan Heße sagt vor dem Landgericht Köln aus.

Missbrauchs-Prozess gegen Gummersbacher Priester - Erzbischof als Zeuge

Stand: 18.01.2022, 07:45 Uhr

Im Prozess um Missbrauchs-Vorwürfe gegen einen Priester aus Gummersbach ist am Dienstag erneut ein ranghoher Vertreter der katholischen Kirche als Zeuge vor das Kölner Landgericht geladen.

Von Markus Schmitz

Der Erzbischof von Hamburg, Stefan Heße, soll am Nachmittag aussagen. Heße war mit den Vorwürfen des mehrfachen Missbrauchs gegen den Priester befasst.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem angeklagten Priester vor, unter anderem drei seiner Nichten sexualisierte Gewalt angetan zu haben. Der heutige Hamburger Erzbischof Heße war im Jahr 2010 im Kölner Erzbistum Personalchef und wurde auch mit den damals aufkommenden Vorwürfen gegen den Priester betraut.

Anzeigen wurden zurückgezogen – Erzbistum Köln unternahm nichts

Es ging innerhalb des Erzbistums um die Frage, ob ein innerkirchliches Verfahren eingeleitet werden sollte. Heße soll mit dem damals Beschuldigten gesprochen haben. Ein Protokoll des Gesprächs wurde nicht erstellt, der Fall wurde auch nicht nach Rom gemeldet. Im weiteren Verlauf war auch Heße daran beteiligt, den zunächst beurlaubten Priester wieder in den Dienst zu bringen. Sehr wahrscheinlich mit schlimmen Folgen für weitere Mädchen.

Eine Frau, die im Jahr 2010 zunächst Anzeige gegen den Priester – ihren Onkel – gestellt hatte, kündigte an, dass sie ihre Aussage nicht wiederholen würde. Deshalb stellte die Staatsanwaltschaft später die Ermittlungen ein. Für das interne kirchenrechtliche Verfahren wäre es aber möglich gewesen, den Fall weiter zu untersuchen. Doch die Verantwortlichen im Erzbistum hatten sich dagegen entschieden. Dabei wäre es möglich gewesen, festzustellen, dass damals im Pfarrhaus des Priesters in Gummersbach nicht nur die Nichten, sondern auch viele andere Mädchen übernachteten.

Erzbischof Heße bot Rücktritt an – Papst lehnte ab

Die Fehler, die Heße in dem vorliegenden und weiteren Fällen gemacht hatte, dokumentierte im vergangenen Jahr ein Gutachten. Unmittelbar nach der Veröffentlichung im März teilte Heße in Hamburg mit, dass er dem Papst seinen Rücktritt vorgeschlagen habe. Mehrere Monate später kam die Antwort aus Rom, der Papst nehme den Rücktritt nicht an. Heße könne weitermachen – es seien Fehler gemacht worden, diese seien aber nicht mit der Absicht gemacht worden, Fälle sexuellen Missbrauchs zu vertuschen. Außerdem habe Heße seine Fehler in „Demut anerkannt“.

Weitere sexuelle Übergriffe nach den Ermittlungen?

Der Prozess vor dem Kölner Landgericht zeigt einige Besonderheiten. Während des laufenden Verfahrens haben sich weitere Zeugen und offenbar auch Betroffene gemeldet. Deshalb hat der Vorsitzende Richter weitere Prozesstage angesetzt – auch, weil die jungen Frauen als Zeuginnen gehört werden sollen. Ebenso hat der Vorsitzende Richter angedeutet, dass auch nach den Ermittlungen in den Jahren 2010 und 2011 Übergriffe auf Mädchen geschehen sein könnten.

Vor dem Landgericht in Köln sind am Dienstag Proteste angekündigt. Betroffene, deren Fälle verjährt sind und nicht mehr strafrechtlich aufgearbeitet werden, wollen ihre Solidarität mit den jungen Frauen zeigen, um die es als Opfer der Übergriffe im aktuellen Verfahren geht.