Erzbischof Heße sagt in Missbrauchs-Prozess um Priester aus

Stand: 18.01.2022, 19:58 Uhr

Zum ersten Mal musste in einem Missbrauchsprozess gegen einen katholischen Priester ein Bischof als Zeuge aussagen. Dabei ging es auch darum, ob die Kirche mehr hätte tun können, um Kinder zu schützen.

Von Christina Zühlke

Zuletzt war er bis auf den letzten Platz gefüllt, diesmal kommt Saal 142 im Kölner Landgericht an seine Kapazitätsgrenze. Es müssen Bändchen verteilt werden. Rote für die, die noch in den Saal dürfen, weiße für alle, die in einem Nebenraum per Audio-Übertragung zuhören müssen.

Die große Aufmerksamkeit gilt einem Mann, der aus Hamburg angereist ist, an seine alte Arbeitsstelle, das Erzbistum Köln: Stefan Heße, seit 2015 Erzbischof von Hamburg. In Köln war er zuvor Leiter der Personalabteilung, später als Generalvikar der zweitmächtigste Mann im Bistum. Vor allem als Personalchef war er mit dem Fall betraut, um den es seit mittlerweile 17 Verhandlungstagen im Saal 142 geht.

Wuppertaler Priester werden 31 Taten vorgeworfen

Dem 70jährigen Priester Ue., zuletzt Krankenhausseelsorger in Wuppertal, wird vorgeworfen, sich von Sommer 1993 bis Ende 1999 an seinen drei Nichten vergangen zu haben. Die Mädchen waren in dieser Zeit zwischen sieben und dreizehn Jahre alt. Die Staatsanwaltschaft zählte am ersten Prozesstag insgesamt 31 Taten auf, darunter auch drei des schweren sexuellen Missbrauchs.

Erzbistum Köln klärte nicht über Missbrauchs-Prozesse auf

Kurz vor Prozessbeginn am 23. November war bekannt geworden, dass eine weitere Frau als Nebenklägerin auftreten werde. Dieser jüngste Vorwurf stammt aus dem Jahr 2011. Zu diesem Zeitpunkt waren sowohl der Staatsanwaltschaft als auch dem Erzbistum Köln bereits die Vorwürfe der Nichten bekannt. Die Staatsanwaltschaft hatte das Verfahren eingestellt, nachdem die Nichten von Pfarrer Ue. sich nicht vor Gericht äußern wollten.

Auch das Erzbistum Köln versuchte danach nicht, den Fall weiter aufzuklären. Das machte der Vorsitzende Richter, Christoph Kaufmann, zuletzt immer wieder deutlich. Die Verantwortlichen verstießen damit auch gegen Kirchenrecht, denn es hätte eine Meldung nach Rom erfolgen müssen. Diese erfolgte erst Jahre später.

Erzbischof Heße: „Entschlossen gehandelt“

Erzbischof Heße spricht zunächst mit belegter Stimme, wird dann aber sicherer. Seine wichtigste Botschaft: Man habe im Erzbistum stets „entschlossen gehandelt“. Nach einer anonymen Nachricht sei Ue. umgehend beurlaubt worden. Ob es denn zusätzliche Beschränkungen gegeben habe, will Richter Kaufmann wissen: „Sich weiter mit Kindern zu befassen? Übernachtungen von Kindern im Pfarrhaus, zum Beispiel?“

Er wisse ja gar nicht, wo der Pfarrer damals gewohnt habe, sagt Heße. „In Varresbeck“, zitiert der Richter aus der Akte. „Ja, aber in einem Pfarrhaus oder einer Wohnung?“ zögert Heße weiter. „In einem Pfarrhaus“, erwidert der Richter, zunehmend bestimmter. Das hätte sich aus der Personalakte unschwer erkennen lassen.

Erzbischof: Einstellung der Ermittlungen war ein absoluter Tiefpunkt

In den Akten stehe außerdem überall, dass man auf Druck der Öffentlichkeit so habe handeln müssen. Ob es denn auch darum gegangen sei, andere Kinder vor möglichen Übergriffen zu schützen. „Nein“, antwortet der Bischof, das habe man nicht im Blick gehabt.

Heße sei aber, so sagt er, sehr froh gewesen, hier einen Fall auf dem Schreibtisch gehabt zu haben, der noch nicht verjährt war. „Die Kirche ist nicht die Polizei“, er sei dankbar gewesen, dass diesmal die Staatsanwaltschaft ermittelt habe. Als diese dann aber die Ermittlungen eingestellt habe, sei für ihn eine Welt zusammengebrochen: „Das war für mich ein absoluter Tiefpunkt.“

Erzbistum Köln zahlte Anwaltskosten des Priesters

Warum die Kirche keine eigenen Ermittlungen angestellt habe? Sich einfach mal im Umfeld des Priesters umgehört habe? „Die Frage war, welche Möglichkeiten hat jetzt das Bistum“, erinnert sich Heße. Die Entscheidung der Staatsanwaltschaft, das sei ja „keine Wald- und Wiesenmeinung. Und dagegen anzugehen, das ist ja gar nicht so ohne.“ Also unternahm das Bistum nichts, zahlte Pfarrer Ue. noch mindestens 3000 Euro, damit er seine Kosten für Anwälte begleichen konnte und ließ ihn wieder als Seelsorger arbeiten.

„Haben Sie sich den Fall denn auf Wiedervorlage gelegt?“, fragt Richter Kaufmann. Vielleicht hätten die Nichten ja später aussagen wollen. Bischof Heße verneint.

Missbrauchskomplex um Wuppertaler Priester: Neue Verdachtsfälle

Insgesamt wird an diesem Prozesstag klar, dass das Bistum nicht überprüft hat, ob Pfarrer Ue. sich an die Beurlaubung hielt. Und auch sein Aufenthaltsort wurde nicht kontrolliert. So wohnte er unter anderem bei einem befreundeten Arzt und könnte, das haben die vergangenen Verhandlungstage ergeben, auch die Töchter des Arztes missbraucht haben. Eine Zeugenaussage der Frauen wird erwartet.

„Brüder im Nebel“: So hießen im Erzbistum die Akten der Priester, denen Missbrauch vorgeworfen wurde.

„Brüder im Nebel“: So hießen im Erzbistum die Akten der Priester, denen Missbrauch vorgeworfen wurde.

Unter den wenigen Zuschauerinnen und Zuschauern, die neben den vielen Journalistinnen und Journalistinnen im Saal 142 Platz finden, ist auch die Pflegetochter des Priesters. Sie hatte an einem der ersten Prozesstage ausgesagt, dass auch sie jahrelang von Ue. missbraucht worden war. Zweimal wurde sie dabei schwanger und musste abtreiben.

Bereits am Morgen hatten sich Betroffene von sexualisierter Gewalt und auch Mitarbeiter des Bistums vor dem Landgericht aufgestellt, um gegen die mangelnde Aufklärung des Bistums zu protestieren. Auf einer Art Lagerfeuer aus Holzscheiten und Aktenordnern befand sich auch ein Ordner mit der Aufschrift „Brüder im Nebel“. So hieß ein Verzeichnis, in dem der ehemalige Kölner Kardinal Meisner die Akten der Priester aufbewahrte, denen Missbrauch vorgeworfen wurde.