Pränatale Tests: "Die Diskussion ist überfällig"

Röhrchen mit Blutproben

Pränatale Tests: "Die Diskussion ist überfällig"

  • Diskussion um vorgeburtliche Bluttests
  • Sorge vor steigenden Abtreibungszahlen
  • Interview mit Kölner Frauenärztin

Der Bundestag hat am Donnerstag (11.04.2019) kontrovers über vorgeburtliche Bluttests für Schwangere debattiert. Für Gabrielle Stöcker, Frauenärztin und Funktionärin bei "Pro Familia", sind solche Tests nichts Neues - die Diskussion hält sie für längst überfällig.

WDR: Frau Stöcker, Sie beraten unter anderem Schwangere nach der Diagnose Trisomie. Was haben Sie bei solchen Gesprächen erlebt?

Gabrielle Stöcker, Frauenärztin und Funktionärin bei "Pro Familia"

Gabrielle Stöcker: Diese Diagnose stürzt Frauen und Paare zunächst in eine tiefe Krise. Es zerbricht für viele der Traum von einem Leben mit einem gesunden Kind. Leider kommen die meisten Betroffenen erst nach einer solchen Untersuchung zu uns.

Pränatale Bluttests als Kassenleistung: Pro & Contra

WDR 5 Morgenecho - Kommentar 11.04.2019 02:56 Min. Verfügbar bis 10.04.2020 WDR 5 Von WDR 5WDR 5

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WDR: Was sind die wichtigsten Fragen, mit denen sich werdende Mütter von Kindern mit Behinderung auseinandersetzen müssen?

Stöcker: Erst einmal geht es darum, den Schock zu überwinden. Dann muss man klären: Welche Ressourcen sind da? Schaffen wir das? Wir beraten völlig ergebnisoffen. Die Möglichkeit eines Schwangerschaftsabbruchs steht natürlich auch im Raum. Wir müssen anerkennen, dass es Menschen gibt, die sich ein Leben mit einem behinderten Kind nicht zutrauen. Auf der anderen Seite müssen wir sicherstellen, dass sich niemand zu so einem Test gedrängt fühlt.

WDR: Immer wieder heißt es, der Großteil aller Schwangerschaften würde nach der Diagnose Trisomie beendet. Entspricht das auch Ihren Erfahrungen?

Stöcker: Es gibt zu dieser Frage in Deutschland überhaupt keine belastbaren Daten. Wo die oft genannte Zahl von 90 Prozent herkommt, ist mir ein Rätsel. Ich möchte auch keine eigenen Schätzungen aufgrund eines diffusen Gefühls abgeben.

WDR: Pränatale Diagnostik ist an sich nichts Neues. Warum entzündet sich die Diskussion nun an der Frage der Finanzierung durch die Krankenkassen?

Stöcker: Fruchtwasseruntersuchungen gibt es schon seit Mitte der 1980er-Jahre. Allerdings sind das Eingriffe, die mit Risiken verbunden sind. Die Hürden für eine Blutuntersuchung liegen niedriger - eigentlich hätte es daher schon viel früher eine gesellschaftliche Diskussion über die Konsequenzen geben müssen. Die wird jetzt anscheinend nachgeholt.

WDR: Eine junge Frau mit Down-Syndrom aus Köln hat eine Petition gegen die Kassenfinanzierung von pränatalen Bluttests gestartet. Sie fürchtet, dass künftig noch mehr Menschen mit genetischen Abweichungen "aussortiert" werden - zu Recht?

Stöcker: Ich kann solche Sorgen natürlich nachvollziehen. Andererseits kann es nicht sein, dass Krankenkassen die risikobehaftete Fruchtwasseruntersuchung finanzieren, den risikofreien und den bezogen auf Risikoschwangerschaften auch zuverlässigen Bluttest aber nicht. Man muss auch betonen, dass es nicht um die Finanzierung eines flächendeckenden Screenings gehen soll. Und seit 2012, als die Bluttests auf den Markt kamen, hat es mit Blick auf alle Schwangerschaftsabbrüche keinen Anstieg aus medizinischen Gründen gegeben.

Das Interview führte Andreas Poulakos.

Frau tv Frau tv 21.03.2019 29:19 Min. UT Verfügbar bis 21.03.2020 WDR

Stand: 11.04.2019, 17:09