Pogrom 1938 aus Kindersicht: Zeitzeugen berichten

Die Progromnacht in Wuppertal 01:39 Min. Verfügbar bis 08.11.2020

Pogrom 1938 aus Kindersicht: Zeitzeugen berichten

Von Jutta Koster

  • Kinder erlebten die Pogromnacht 1938 besonders intensiv
  • Gewalt und Zerstörung morgens auf dem Schulweg
  • Augenzeugen berichten auf WDR-Plattform

Brennende Synagogen, zerstörte Geschäfte, pure Gewalt: Zum Jahrestag der Pogromnacht von 1938 schildern Zeitzeugen auf der WDR-Plattform "Kindheit im Krieg", wie sie die Schrecken dieser Nacht erlebten.

Brennende Synagoge auf dem Schulweg

Der 10. November 1938 - der Tag nach der Pogromnacht - war ein Donnerstag, für die Kinder von damals ein ganz normaler Schultag. Doch etwas war anders: Bernward Rasch erlebt seine Kindheit in Wuppertal-Barmen. Auf dem Weg zur Schule sieht er die brennende Synagoge. "Die angrenzenden Häuser wurden unter Wasser gehalten, damit die nicht anfangen konnten zu brennen. Die Synagoge hat man brennen lassen", erinnert sich der damals Achtjährige.

Auch Johann Peter Brammertz in Aachen und Lore Wegener in Bielefeld sahen als Schulkinder die brennenden Synagogen. "Als meine Mutter gefragt hat, warum die Feuerwehr nicht löscht, hieß es: 'Halten Sie bloß Ihre Klappe, sonst können Sie gleich mitkommen'", sagt Lore Wegener.

Auf dem Schulweg habe ich die Synagoge brennen sehen Kindheit im Krieg 12.01.2019 Verfügbar bis 30.12.2099 WDR.de

Ich hatte jüdische Freunde und sah morgens auf dem Schulweg die brennende Synagoge Kindheit im Krieg 05.02.2019 Verfügbar bis 30.12.2099 WDR.de

Als die Synagoge brannte, wollte die Feuerwehr nicht löschen Kindheit im Krieg 28.01.2019 Verfügbar bis 30.12.2099 WDR.de

Marl: Haus der Familie Abrahamsohn angezündet

Die Pogromnacht war für die jüdische Familie Abrahamsohn in Marl der Beginn des Schreckens: Nazis zünden ihr Haus an. Rolf Abrahamsohns Vater und sein Bruder fliehen nach Belgien. Er selbst, seine Mutter und sein kleiner Bruder Norbert bleiben in Deutschland, weil sie kein Geld für die Flucht haben. Norbert wird als jüdisches Kind im Krankenhaus nicht behandelt. Er stirbt an Diphtherie.

Als 16-Jähriger ins Konzentrationslager

Rolf und seine Mutter kommen ins KZ Riga. Dort muss seine Mutter mit bloßen Händen Batterien ausräumen. Als ihre Hände so verätzt sind, dass sie nicht mehr arbeiten kann, wird die Mutter erschossen. Ihr Sohn will sich ebenfalls erschießen lassen, doch seine Mithäftlinge sagen: "Du musst am Leben bleiben, Dein Vater und Dein Bruder suchen Dich". Doch die Hoffnung trügt: Beide werden in Ausschwitz ermordet.

Wenn ich das alles gewusst hätte, wäre ich lieber im KZ gestorben Kindheit im Krieg 25.03.2019 15:53 Min. Verfügbar bis 30.12.2099 WDR.de

Meinem Vater gelang es, dass ich nicht mehr als Jude galt Kindheit im Krieg 25.03.2019 Verfügbar bis 30.12.2099 WDR.de

Flucht gelungen

Obwohl sie viele nicht jüdische Freunde hatte, erlebte die Familie Kotek in Wuppertal einen Alptraum: Nachbarn schleifen den achtjährigen Wolfgang über Scherben. Die Narben sind bis heute sichtbar. Wolfgang und sein Vater, ein polnischer Jude, fliehen 1938 in die Niederlande. Der Vater taucht unter. Er erreicht, dass sein achtjähriger Sohn nicht mehr als Jude gilt. Erst nach Kriegsende sieht die Familie sich wieder: "Wir waren sehr sehr glücklich, dass wir wieder zusammen waren", sagt Wolfgang Kotek heute.

Stand: 08.11.2019, 19:07