Was bleibt vom geretteten Tagebau-Dorf Alt-Morschenich?

Unbefahrene Straße, links und rechts Bäume und alte Backsteinhäuser

Was bleibt vom geretteten Tagebau-Dorf Alt-Morschenich?

Von Michael Esser

Beinahe hätte der Tagebau Hambach das Aus für das kleine Dorf Morschenich bedeutet. Bis 2024 sollte der Ort abgebaggert werden. Nach dem Aus für die Braunkohle gibt es nun die Chance auf eine neue Zukunft. Doch was vom Alten soll und könnte den Weg mit in die neue Zukunft gehen? Das haben Denkmalpfleger des Landschaftsverbands Rheinland untersucht. Die Ergebnisse werden am Abend in der ehemaligen Dorfkirche von Morschenich erstmals vorgestellt.

Nur noch eine Handvoll Alt-Morschenicher leben in dem Ort, der in besten Zeiten an die 600 Einwohner zählte. In einigen Häusern wohnen Flüchtlinge, rund 100 sollen es sein. Der Kindergarten ist noch in Betrieb. In einer großen Hofanlage hat ein Pferdegestüt aus Erftstadt nach der Hochwasserkatastrophe im Juli mit seinen Pferden Zuflucht gefunden.

Aber die meisten Häuser in Alt-Morschenich stehen seit Jahren leer und vermodern von innen heraus, viele haben Schäden durch Verfall oder Einbruchsversuche. Gärten sind verwildert, Brombeeren überwuchern Hausterrassen. Endzeitstimmung wo man hinschaut.

Schöne Fassaden nicht entscheidend

Die Frage der Denkmalpfleger vom Landschaftsverband Rheinland: Was von dem Alten ist vielleicht erhaltenswert für "Alt-Morschenich - Ort der Zukunft", den Prozess, den die Gemeinde Merzenich seit Jahresanfang ausgerufen hatte. Dabei geht es nicht um Renovierungsbedarf oder gute Bausubstanz. LVR-Denkmalpfleger Philipp Huntscha: "Wir nehmen das Dorf insgesamt in den Blick, seine Strukturen, die Beziehungen der Ortsteile untereinander. Und als zweites auch die einzelnen Häuser, in ihrem Material, ihrer Bedeutung und Geschichte." Auf schöne Fassaden komme es eher nicht an.

Das bäuerliche Morschenich

Altes Backsteinhaus mit grünen Fensterläden

Beispiel Vierkanthof in der Unterstraße. Seit 170 Jahren ist das Äußere des zweigeschossigen Hauses zur Straße hin unverändert. Grüne Fensterläden, Blaustein als Fensterbank, ein großer Torbogen mit Durchfahrt zu Innenhof, Werkbereich, Scheune, Dunkellager und weiter hinten Nutzgarten. Alles hat seinen Zweck, die Aufteilung ist typisch für das bäuerliche Morschenich. Hier sieht Philipp Huntscha eine Chance für die Zukunft. "Es geht darum zu schauen, wie man die modulare Bauweise des Vierkanthofes je nach Nutzung fortführen kann. Da sind viele Dinge vorstellbar."

Die Denkmalpfleger wollen das Dorf im Kern verstehen, das Miteinander von Bauernhof, Kirche, Schmiede, von Wohnen und Arbeiten. Aber auch die Beziehungen zum Umland sind wichtig. Über Jahrhunderte war Umland gleichbedeutend mit Wiese, Feld und Wald. Das änderte sich mit dem Braunkohletagebau.

Bergarbeitersiedlung und neues Wohnen

So entstand Mitte des vorigen Jahrhunderts eine kleine Bergarbeitersiedlung in der Unterstraße. Am Ortsrand zum Tagebau Hambach hin wurden in den 1950er Jahren Häuser für Braunkohle-Beschäftigte gebaut. Mit diesen Häusern kam die Groß-Industrie in den Ort. Die Braunköhler wohnten nicht nur anders, sondern lebten auch nach einer anderen Ordnung. Die Denkmalpfleger konnten das an der Bauweise ablesen. Auch alte Einwohner bestätigten das.

Mann steht mit Tablet vor schützenswerten Backsteinhäusern in Alt-Morschenich

Philipp Huntscha: "Einige Häuser sind näher an der Straße, andere nach hinten gebaut. Vorne wohnten zum Beispiel Ingenieure, Vorgesetzte also, die Häuser der einfachen Arbeiter waren zurückgesetzt." Die Häuser mit ihren für Morschenich damals untypischen Vorgärten sind nicht nur ein Beispiel für Entwicklung und Siedlungsgeschichte im Rheinischen Braunkohlerevier. Gleichzeitig erzählen sie vom Wechsel in der Sozialgeschichte.

Unklarheiten bleiben

Bank und Kreuz unter Bäumen, im Hintergrund die Abbruchkante das Tagebaus

Ob Vierkanthof oder Bergarbeitersiedlung, ob alte Schmiede oder das neue Pferdegestüt, für die Denkmalpfleger sind die Linien aus der Vergangenheit in die Zukunft wichtig. Sie entscheiden nicht, welche Gebäude erhalten bleiben sollen. Die allermeisten Immobilien gehören ohnehin dem Tagebaukonzern RWE, der bei allen Entwicklungen ein entscheidendes Wort mitreden dürfte. Für die Gemeinde Merzenich, zu der Alt-Morschenich gehört, helfen die Ergebnisse aber, den Plan für den "Ort der Zukunft" konkreter zu fassen. Auch wenn Alt-Morschenich nicht mehr abgebaggert wird – was vom Dorf stehen bleibt, ist noch eine Zeitlang unklar.

Kampf um die Dörfer Westpol 28.03.2021 UT DGS Verfügbar bis 28.03.2022 WDR

Stand: 27.10.2021, 14:25