Retrospektive: Nil Yalter im Museum Ludwig

Eine Besucherin in der Ausstellung im Museum Ludwig

Retrospektive: Nil Yalter im Museum Ludwig

Von Kathrin Ohlmann

  • Weltweit größte Retrospektive der Künstlerin
  • Pionierin der Videokunst aus den 70er Jahren
  • Werke thematisieren Migration und Exil

Fotoausstellung mit bestürzender Erkenntnis

Von Thomas Köster

Migration, Vertreibung, Ungleichheit: Die türkischstämmige Künstlerin Nil Yalter legt den Finger in soziale Wunden. Und ist selbst mit ihren frühesten Arbeiten noch erschreckend aktuell. Zu sehen jetzt im Museum Ludwig, der ersten Retrospektive der 81-Jährigen in Deutschland.

Nil Yalter. Exile Is a Hard Job, Museum Ludwig, Köln 2019 (Ausstellungsansicht)

"Ich habe keine Muttersprache mehr", sagt Nil Yalter. 1938 in Kairo geboren, in Istanbul aufgewachsen und seit 1965 in Paris lebend und ohnehin immer auf Reisen, hat sich als Autodidaktin die Kunst als neue Sprache erwählt. Migration, Fremdheit und Identität sind ihre Themen.

"Ich habe keine Muttersprache mehr", sagt Nil Yalter. 1938 in Kairo geboren, in Istanbul aufgewachsen und seit 1965 in Paris lebend und ohnehin immer auf Reisen, hat sich als Autodidaktin die Kunst als neue Sprache erwählt. Migration, Fremdheit und Identität sind ihre Themen.

"Topak Ev" – türkisch für "rundes Haus" – von 1974: ein Nomadenzelt, das von Frauen schon in jungen Jahren als Aussteuer geschaffen wird und das Schutzzone und Gefängnis in einem ist. Die Frauen gestatten oder verwehren den Männern den Einlass, dürfen das Zelt aber bis auf wenige Ausnahmen nicht verlassen.

Nach "Topak Ev" beschäftigte sich Yalter illegal errichteten Behausungen von Migranten in den Vorstädten von Paris, Istanbul und New York. Die Collagen von "Temporary Dwellings" (1974-1977) zeugen melancholisch vom harten Leben in den Slums — in Polaroids und Fundstücken.

"Exile Is a Hard Job" heißt die Kölner Schau dementsprechend: die erste Überblicksausstellung der Künstlerin in Deutschland. Sie bezieht sich auf ein Zitat des Begründers der modernen türkischen Lyrik, Nazım Hikmet (1901-1963). Als Teil der Befreiungsbewegung musste er ein entbehrungsreiches Leben im Ausland führen ("The AmbassaDRESS", 1978).

Yalter verknüpft die Porträts türkischer Immigranten mit einem Gedicht Hasan Hüseyin Korkmazgils. Es beschreibt Immigration als heimatloses Zwischenreich zwischen Abfahrt und Ankunft, Entfremdung und Knechtschaft.

In Köln gezeigt werden Arbeiten aus fünf Jahrzehnten: angefangen bei den abstrakten Gemälden, die kurz nach der Übersiedlung Yalters von Istanbul nach Paris 1965 entstanden. In knalliger Farbigkeit illustrieren sie die Auseinandersetzung der Künstlerin mit der vor allem russischen Avantgarde, arbeiten aber wie die gesellschaftskritischen Werke bereits mit Spannung und Verschwinden.

Um ihre Themen zu vermitteln griff Yalter von Beginn an auf die jeweils aktuellsten Medien zurück. Als erste Künstlerin in Frankreich experimentierte sie in den 1970er Jahren mit Videotechnik. Eindrucksvolles Beispiel hierfür ist "The Headless Woman or The Belly Dance" (1974), in dem sich Yalter einen Text über verdrängte Sexualität auf den Körper schrieb – um diesen dann in Bauchtanzbewegungen zu schwingen.

Von hier aus führt ein direkter Weg zu "Pixelismus" von 1996, einer interaktiven Wandinstallation nach den Mustern griechisch-orthodoxer Kreuze, die jeden Monat verändert wird. Ihre strenge Ornamentik setzt Yalter in Bezug zum Pixel als ordnungsbestimmendem Element computergenerierter Bilder.

Am Bildschirm können Ausstellungsbesucher im virtuellen Raum aus byzantinischen Mosaiken, modernen Modulen und Textfragmenten ihre eigenen Kompositionen generieren. Die Künstlerin macht schon mal vor, wie's geht.

"Im Hinblick auf Gleichberechtigung hat sich im westlichen Europa einiges getan", sagt Yalter. "Aber schauen Sie in den Vorderen Orient, nach Saudi Arabien." Die jüngste Arbeit der Künstlerin spielt deshalb mit dem Motiv des schwarz-verhüllenden Tschador-Schleiers: Symbol von weiblicher Schutzzone und Gefängnis zugleich ("Unitled (Black Veil)", 2018).

Gekoppelt ist die Thematik des (hier: religiösen) Identitätsverlusts an das islamische Abbildeverbot des menschlichen Gesichts, dem die islamische Kunst ihre wundervolle Ornamentik verdankt; noch eine Ambivalenz, die Yalter mitdenkt.

In Yalters scheinbar abstrakten Frühwerk, geht es, nahezu unsichtbar, ebenfalls um das Verschwinden von Individualität und persönlicher Identität geht. Von den "Archiforms" (1967) gibt es ohnehin auch ein computergeneriertes Video. Erst vom Ende der Ausstellung her kann man diese Konsistenz im so heterogen wirkenden Werk richtig begreifen.

Ohnehin ist Yalters Werk an zahlreichen Stellen nicht selbsterklärend. Auch dies hat sie mit der zeitgenössischen, politisch-engagierten und technisch ausgefeilten Kunst gemein. Damit der Appell nicht ins leere geht, hat das Museum Ludwig ein Begleitprogramm in deutscher, türkischer und kurdischer Sprache erarbeitet, das hoffentlich möglichst vielen Menschen die Schwellenangst nimmt.

Gleichzeitig hat Yalter ihre titelgebende Arbeit "Exile Is a Hard Job" in den Kölner Stadtraum erweitert. Entsprechende Posterwände hängen in verschiedenen Stadtteilen und können von den Bewohnern in Türkisch, Arabisch, Russisch oder Polnisch ergänzt werden. Ein spannendes Experiment, dem man, bei aller Skepsis, Erfolg wünscht.

"Seit 45 Jahren arbeite ich nun schon künstlerisch", sagt Nil Yalter. "Und im Grunde hat sich nicht viel verändert." Tatsächlich scheinen ihre Themen rund um Unterdrückung, Ungerechtigkeit, Migration und fehlender Gleichberechtigung aktueller denn je. Auch das ist eine bestürzende Erkenntnis der Schau.

Da wirkt es wie ein Zeichen, dass Yalters Jurtenzelt "Topak Ev" schon im Jahr seiner Entstehung in der Ausstellung "Projekt 74" in der Kölner Kunsthalle gemeinsam mit Werken von so unterschiedlich wegweisenden Künstlern wie Ulrike Rosenbach, Valie Export, Nam June Paik oder Gerhard Richter zu sehen war. Die Migrationsstadt Köln ist für die Auseinandersetzung mit Yalters Werk also genau die richtige Adresse.

"Nil Yalter. Exile Is a Hard Job" ist noch bis zum 02. Juni 2019 im Museum Ludwig in Köln zu sehen. Zur Ausstellung ist ein Begleitheft in verschiedenen Sprachen erhältlich. Außerdem können sich Besucherin einer modularen Bibliothek mit Büchern, Magazinen und Broschüren zu den in der Ausstellung zentralen Themen wie Feminismus, Migration oder Arbeit informieren.

Im Museum Ludwig hat am Freitag (08.03.2019) mit der Retrospektive der französischen Künstlerin Nil Yalter eine der größten Ausstellungen des Jahres eröffnet. Es ist die erste Einzelausstellung der ungewöhnlichen Künstlerin in Deutschland.

Erste Videokünstlerin in Frankreich 

Nil Yalter in Köln-Kalk

Nil Yalter in Köln

"Exil ist harte Arbeit" – der Titel der Ausstellung beschreibt die Themen ihrer Werke und das Leben der Künstlerin. Nil Yalter, in Kairo geboren, in der Türkei ausgewachsen, zieht in den 1960er-Jahren nach Paris. Dort ist sie schnell Teil der kleinen zeitgenössischen Kunstszene. Als erste Künstlerin im Land arbeitet sie in den 1970er-Jahren mit Video. Sie interviewt türkische Einwanderer über ihr Leben im Exil und verarbeitet das in Multimedia-Installationen.

Alltag als Kunst

Besucherinnen in der Ausstellung im Museum Ludwig

In solchen Zelten lebte Yalter mit Nomaden in der Türkei

Yalter interessiert sich besonders für das Alltagsleben von Frauen: In Collagen aus Fotos und Zeichnungen zeigt sie das Leben in einem französischen Frauengefängnis Mitte der 1970er-Jahre. Bei einem Aufenthalt in einem Dorf bei Münster fotografiert und beschreibt sie im Detail, wie deutsche Frauen ihr Haus putzen und im Garten arbeiten. Eines ihrer bekanntesten Werke ist ein Nomadenzelt aus Filz und Tierfellen, inspiriert von ihrer Zeit mit Nomaden in der Türkei.

Schon früh mit Migration und Exil befasst

Eine Kunstschule hat Yalter nie besucht und ist stattdessen viel gereist. Die Themen Migration und Exil ziehen sich als roter Faden durch ihre Arbeit. Die Gemälde, Collagen, Fotos, Zeichnungen und Multimedia-Installationen der letzten vier Jahrzehnte wirken auch heute noch aktuell.

Die Ausstellung ist vom 08.03. bis 02.06.2019 täglich geöffnet außer montags. Eintritt: 11 €, ermäßigt 7,50 €. Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre und Schülergruppen inkl. zwei Lehrpersonen haben freien Eintritt.

Späte Anerkennung - Nil Yalter im Museum Ludwig

WDR 3 Mosaik 08.03.2019 05:38 Min. Verfügbar bis 07.03.2020 WDR 3

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Stand: 11.03.2019, 11:18