Missbrauch: Bonner Dechant befürchtet "Schaden unbekannten Ausmaßes"

Rückansicht von Kardinal Rainer Maria Woelki

Missbrauch: Bonner Dechant befürchtet "Schaden unbekannten Ausmaßes"

Von Christina-Maria Purkert, dpa

Der Kölner Erzbischof Rainer Maria Woelki hat 2017 einen Düsseldorfer Pfarrer zum stellvertretenden Stadtdechanten befördert. Die Kritik zu diesem Vorgehen wird immer lauter.

Pfarrer Michael D. war von 2017 bis ins Jahr 2019 einer der beiden stellvertretenden Stadtdechanten in Düsseldorf. Der leitende Pfarrer der Gemeinde St. Antonius und Benediktus wurde 2017 auf Wunsch des Stadtdechanten Ulrich Hennes von Kardinal Woelki ernannt. Stadtdechant Hennes hat im September 2019 wegen Vorwürfen sexueller Übergriffe nach Druck des Erzbistums auf sein Amt verzichtet.

Alter Vorwurf war Woelki bekannt

Im Jahr 2001 hatte der Pfarrer sexuellen Kontakt mit einem Prostituierten, der den Pfarrer daraufhin erpresst hatte. Danach hat der Pfarrer Anzeige gegen den Mann erstattet. Dabei stellte die Polizei fest, dass es sich um einen Minderjährigen handelte und informierte das Erzbistum. Dort hat keine weitere Aufklärung stattgefunden, weil der junge Mann obdachlos und nicht auffindbar war.

Pfarrer D. wurde psychiatrisch begutachtet. Der Generalvikar des Erzbistums Markus Hofmann sagte in der Lokalzeit Köln am Mittwoch: "Er hat eine Abmahnung bekommen, eine Therapie gemacht. Am Ende der Therapie stand das Urteil des Fachexperten: Er ist unbeschränkt einsetzbar, weil es sich um eine einmalige Verhaltensweise handelt."

Der Fall war Kardinal Woelki bekannt, sagte der Generalvikar in der Lokalzeit Köln. "Der Kardinal wusste von dem was der betreffende Pfarrer eingestanden hatte." In dem im März veröffentlichten Gercke-Gutachten, das sich mit den Missbrauchsfällen im Kölner Erzbistum beschäftigt hat, wird darauf verwiesen, dass nach dem unveröffentlichten Gutachten der Kanzlei Westpfahl/Spilker/Wastl in diesem Fall keine Pflichtverletzung vorlag. Denn bis zum 04. November 2001 galt der 17-Jährige nach Kirchenrecht als volljährig und damit konnte der Fall als Nicht-Einhaltung des Zölibats gewertet werden.

Späte Meldung nach Rom

Erst als im Jahr 2015 die Interventionsstelle des Erzbistums Köln alte Fälle aufgearbeitet hat, fiel auf, dass der Fall nie nach Rom gemeldet wurde. Der inzwischen zurückgetretene oberste Kirchenrichter des Erzbistums, Offizial Assenmacher, prüfte dann die Akten und meldete 2018 nach Rom.

Weitere Vorwürfe gegen Pfarrer D.

Im Gercke-Gutachten sind zudem weitere Fälle dokumentiert, die dem Erzbistum 2010 gemeldet worden sind. In einem Fall soll Pfarrer D. 1992 und 1993 mit einen damals 16-Jährigen Pornos geschaut und die Sauna besucht haben. In einem andere Fall meldete sich ein Volljähriger, der Pfarrer D. im Karneval kennengelernt hatte und beschuldigte ihn der mehrfachen sexuellen Belästigung danach. 2010 und 2015 gab es zudem mehrere anonyme Hinweise auf sexuelle Vergehen von Pfarrer D. an Minderjährigen.

Weil zu den Fällen aus den neunziger Jahren Ende 2020 beim Erzbistum neue Informationen eingingen, wurde Anfang 2021 bei der Staatsanwaltschaft Düsseldorf Anzeige erstattet. Wie der WDR aus Justizkreisen erfuhr, ist dieses Ermittlungsverfahren gegen Pfarrer D. am Dienstag, dem Tag der Beurlaubung, eingestellt worden, wegen Verjährung. Das kirchenrechtliche Verfahren wird - so Generalvikar Hofmann - aber weitergeführt.

Neuer Düsseldorfer Stadtdechant erschüttert

Der jetzige Düsseldorfer Stadtdechant, Pfarrer Frank Heidkamp, zeigt sich am Mittwoch von den Missbrauchsvorwürfen erschüttert. Er habe Pfarrer Michael D. als einen weltoffenen Menschen und engagierten Seelsorger wahrgenommen. "Wenn man dann von solchen Vorwürfen hört und eigentlich regelmäßig mit einem Menschen zu tun hat, ist man erst mal schockiert und denkt, das darf ja wohl nicht wahr sein".

Pfarrer Heidkamp habe nichts von der Vorwürfen gewusst. Er kenne zwar das im März veröffentlichte Missbrauchsgutachten der Kanzlei Gercke und auch das unveröffentlichte aus München. Doch da seien die Personen unkenntlich gemacht. Er habe nicht geahnt, dass es sich um seinen Kollegen gehandelt habe.

Wie die Bild-Zeitung am Mittwochabend berichtete, soll es ein geheimes Dokument geben, aus dem hervorgeht, dass ein Gemeindemitglied von D. bereits im Jahr 2010 Kardinal Woelki persönlich darüber informiert habe, dass D. "in den letzten Jahren kein normales Verhältnis zu Messdienern hatte." Auf Anfrage des WDR teilte das Erzbistum am Donnerstag mit, dass Professor Gercke dieses Material bereits in seinem Gutachten von März 2021 bewertet habe. Demnach sei eindeutig keine Pflichtverletzung des Kardinals festgestellt worden.

Entsetzen auch in Bonn

"Die Krise im Erzbistum Köln nimmt kein Ende", sagte der oberste katholische Repräsentant in Bonn, Stadtdechant Wolfgang Picken, der Deutschen Presse-Agentur. Seit Januar seien im Erzbistum Köln schon mehr Menschen aus der Kirche ausgetreten als sonst in einem ganzen Jahr. "Der Schock über die Aussage des Generalvikars sitzt tief, weil sie befürchten lässt, man würde Ähnliches wieder tun und Missbrauchstäter in leitende Kirchenpositionen befördern, um ihnen eine Chance zu geben", sagte Picken. "Das empört viele und lässt vermuten, dass man wenig dazugelernt hat."

Woelki und Hofmann müssten zugeben, dass die Beförderung des Pfarrers ein Fehler gewesen sei, forderte Picken. Ob dieses Signal allerdings ausreiche, um das Erzbistum aus seiner derzeitigen Krise herauszuführen, sei fraglich. «Wenn die Bistumsleitung nicht schnell zu klaren Konsequenzen bereit ist, dann steht ein Schaden ungekannten Ausmaßes für das Erzbistum Köln und die Kirche in Deutschland zu befürchten», sagte Picken.

 

Die Menschen hinter den Fällen des Missbrauchsgutachtens

WDR 5 Morgenecho - Beiträge 09.04.2021 04:18 Min. Verfügbar bis 09.04.2022 WDR 5 Von Britta Schwanenberg


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Stand: 07.05.2021, 10:27