Neue Erkenntnisse im "Sugardaddy"-Prozess: Bedrohung oder Bestechung?

Das Landgerichts-Gebäude in Bonn

Neue Erkenntnisse im "Sugardaddy"-Prozess: Bedrohung oder Bestechung?

Von Tobias Al Shomer

  • Vermerk des Steuerberaters wirft Fragen auf
  • War Teil des Lösegelds Schmiergeld?
  • "Sugardaddy" könnte Klarheit bringen

Im sogenannten "Sugardaddy"-Prozess vor dem Bonner Landgericht sorgt ein Dokument für Wirbel. Bislang war die Anklage davon ausgegangen, dass der Geschäftsmann aus dem Sauerland rund 1,6 Millionen Euro als Lösegeld an Erpresser aus dem rheinischen Rotlicht- und Rockermilieu gezahlt hatte. Doch ein handschriftlicher Vermerk seines Steuerberaters, der jetzt vor Gericht bekannt wurde, wirft den Verdacht auf, dass ein Großteil dieses Geldes auch Schmiergeld sein könnte.

Mutmaßliches Lösegeld mit Firmengeldern bezahlt

Worum geht es: der Geschäftsführer der Firma Media.Com GmbH aus Brilon im Sauerland lernt über eine sogenannte "Sugardaddy"-Internetseite eine Prostituierte kennen. Das Prinzip dieser Online-Seiten ist, wohlhabenden, oft älteren Männer Kontakt zu jüngeren, gut aussehenden Frauen zu vermitteln. Gegen großzügige Geldzahlungen gibt es sexuelle Gefälligkeiten.

Im diesem Fall ist es eine Prostituierte aus Bonn. Sie soll laut Anklage im Verlauf dieser Beziehung ihren "Sugardaddy" mit zwei Rockern erpresst haben. Konkret soll es so gewesen sein, dass die Escort-Dame eine Bedrohung durch die Rocker vorgetäuscht habe und immer wieder Geld gefordert habe, damit ihr nichts geschehe. Insgesamt soll der Geschäftsmann knapp 1,6 Millionen Euro gezahlt haben.

Kronzeugin sagt im "Sugar-Daddy"-Prozess aus

00:26 Min. Verfügbar bis 15.11.2020

Dieses mutmaßliche Lösegeld bezahlt er laut Anklage mit Firmengeldern. Dem Finanzamt zeigt er das nicht an. Deshalb hat ihn die Staatsanwaltschaft Arnsberg wegen Steuerhinterziehung und Veruntreuung von Firmengeldern angeklagt. Außerdem muss der 50-Jährige nach WDR-Informationen knapp eine halbe Million Euro Steuern nachzahlen.

Vermerk des Steuerberaters wirft Fragen auf

Aus dem Steuerstrafverfahren in Arnsberg stammt der Vermerk des Steuerberaters von Juli 2017 , der jetzt im Prozess in Bonn viele Fragen aufwirft. Inhalt des Vermerks ist eine Zusammenfassung einer Besprechung. In dieser soll der Geschäftsmann berichtet haben, dass er im Jahr 2015 über 1,1 Millionen Euro vom Firmenkonto abgehoben habe, um einen Vertragsabschluss mit UM zu erreichen. In dem Vermerk stehen zwar nur zwei Buchstaben, doch laut Verteidigung der angeklagten Rocker liegt der Verdacht nahe, damit sei der Hauptauftraggeber der Media.Com gemeint: Unitymedia.

Die Firma Media.Com besorgt überwiegend Service-Dienstleistungen für Unitymedia. Sie richtet Hausanschlüsse für den Kabelbetreiber ein, kümmert sich um Störungen, zum Beispiel bei Kabelanschlüssen. Wie Zeugen jetzt im Gerichtsverfahren ausgesagt haben, gab es im Zeitraum 2014 bis 2015 Umstrukturierungen bei Unitymedia. Das Unternehmen wollte demnach diese Service-Dienstleistungen zentrieren auf wenige Betriebe. Media.Com war ein aussichtsreicher Kandidat.

Wie attraktiv das war, zeigen grobe Vertragseckdaten, die im Vermerk des Steuerberaters genannt werden. So soll das Auftragsvolumen für 5 Jahre Vertragslaufzeit bei 150 Millionen Euro gelegen haben. Drei Monate nach der Besprechung fliegt die Millionenentnahme aus der Firmenkasse bei einer Steuerprüfung im Sauerland auf. Erst jetzt erzählt der Geschäftsführer den Steuerprüfern, dass er von Rockern aus Bonn erpresst werde.

Bedrohung oder Bestechung?

Was ist denn nun richtig: Bedrohung oder Bestechung oder beides? Media.Com und Unitymedia ließen eine WDR-Anfrage bislang unbeantwortet. Klarheit könnte der Geschäftsführer der Media.Com, der "Sugardaddy", bringen. Im Bonner Verfahren gegen eine Prostituierte und zwei Rocker wird er aktuell als Geschädigter geführt. In einer Woche soll er aussagen. 

Stand: 07.02.2020, 18:48

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