Solinger Arzt im Flüchtlingslager Moria: "Eine Stadt des Elends"

Solinger Arzt im Flüchtlingslager Moria: "Eine Stadt des Elends"

  • Solinger Arzt ist zum fünften Mal in Moria
  • Katastrophale Zustände vor Ort
  • Verein "Solingen hilft" kümmert sich um medizinisches Gerät

Völlig überfüllt, so gut wie keine sanitären Einrichtungen und seit März auch noch eine Ausgangssperre: Das Leid der Bewohner des Flüchtlingslagers Moria auf der griechischen Insel Lesbos wird seit Monaten immer größer, beobachtet der Solinger Arzt Christoph Zenses.

Eigentlich hat der Internist eine Praxis in Solingen, jetzt ist er zum fünften Mal auf der griechischen Insel, um die Bewohner vor Ort medizinisch zu versorgen. Vor seinem Abflug haben wir mit ihm gesprochen.

WDR: Herr Zenses, Was genau machen Sie vor Ort?

Christoph Zenses: Ich bin im "Hospital", was kein Hospital ist, sondern ein Container. Links und rechts in den Ecken stehen zwei Liegen, so dass man jemanden kurz untersuchen kann.

WDR: Wie gut ist das "Hospital" ausgestattet?

Dr. Christoph Zenses, Internist

Zenses: "Mein Koffer ist voller Behandlungsgeräte"

Zenses: Man kann Ultraschall machen, man kann ein EKG nutzen, die Geräte haben wir mit unserm Verein "Solingen Hilft" aus Spendengeldern beschafft und rübergebracht. Genau so wie Medikamente.

Mein Koffer war schon randvoll, bevor ich überhaupt irgendwas gepackt hatte. Es ist aber ein Kampf gegen Windmühlen bei den Hygienebedingungen vor Ort.

WDR: Wie ist denn derzeit die Lage?

Katastrophale Zustände in Moria

Katastrophale Zustände auf Moria

Zenses: Die Zustände sind katastrophal, es gibt gar nichts. Es gibt wenig fließend Wasser, es gibt zu wenig Essen und Trinken, es gibt eine Toilette für 150 Leute, eine Dusche für 200 Leute. Es ist eine ganz beengte Situation, weil dort einfach viel zu viele Menschen sind, fast 15.000, obwohl das Areal für knapp 2.700 ausgelegt ist.

Jetzt gibt es dort auch noch den "Lockdown", das heißt, die Bewohner dürfen nicht aus dem Camp. Im Winter ist es eiskalt und dauerhaft stockdunkel, weil es keinen Strom gibt.

Im Sommer ist es bei 40 Grad zu heiß und es gibt keinen Schatten. Da haben wir dann große Segel installiert, dass sich die Leute wenigstens mal in den Schatten stellen können.

WDR: Vor zwei Jahren waren sie zum ersten Mal in Moria, jetzt schon zum fünften Mal. Was hat sich seitdem verändert?

Dr. Christoph Zenses, Internist

Dr. Christoph Zenses aus Solingen behandelt seit zwei Jahren Flüchtlinge in Moria

Zenses: Ich kann mich noch genau an den ersten Besuch erinnern. Da habe ich richtig Angst gehabt und bin nur ins Hospital gegangen. Da war auch mal Randale, so dass wir uns im Hospital einschließen mussten. Damals wohnten 7.000 Menschen in Moria.

Jedes Mal, wenn ich seitdem da war, wurden es mehr. Im Februar waren es 20.000, also im Prinzip eine ganze Kleinstadt des Elends.

WDR: Was macht das mit ihnen, wenn sie diese Zustände erleben?

Zenses: Ich nehme das immer mit nach Hause, das geht gar nicht anders. Das bewegt mich jedes Mal aufs Neue.

Deswegen spreche ich auch mit dem WDR und mit anderen Menschen, damit da Spenden zusammen kommen. Ich will darauf aufmerksam machen, dass es an unserer europäischen Außengrenze so aussieht.

Von Lesbos nach Deutschland: Kinder aus Flüchtlingslagern

WDR 5 Morgenecho - Interview 18.04.2020 06:28 Min. Verfügbar bis 18.04.2021 WDR 5

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Stand: 12.07.2020, 19:56