Missbrauchskomplex Bergisch Gladbach: Was ist bisher bekannt?

Eine Person vor einem Computerbildschirm

Missbrauchskomplex Bergisch Gladbach: Was ist bisher bekannt?

Von Jochen Hilgers

Inzwischen verfolgt die Polizei im Missbrauchskomplex Bergisch Gladbach bundesweit Spuren zu zahlreichen Beschuldigten. Auslöser war die Festnahme eines 43-Jährigen Ende 2019. Prozessauftakt ist am Montag.

Wie ist der Stand der Ermittlungen?

Mit der Verhaftung im Bergisch Gladbacher Missbrauchsfall beginnen im vergangenen Herbst Ermittlungen, die selbst europaweit ihresgleichen suchen. In Spitzenzeiten bis zu 400 Polizeibeamte machen sich daran, ein gigantisches Netzwerk zu entwirren. Das Täterprofil ist dabei uneinheitlich. Vom Arbeitslosen über Betreuer in der Jugendarbeit bis hin zu Akademikern. Ein Ende der Ermittlungsarbeit ist nicht abzusehen.

Momentan arbeiten immer noch 137 Beamte in der sogenannten Ermittlungsgruppe "Berg". Ende Oktober vergangenen Jahres ahnte wohl niemand, was nach der Verhaftung des 43-Jährigen alles ans Tageslicht kommen würde. Er will im Prozess, der am Montag beginnt, aussagen. Bisher hatte er sich nicht zu den Tatvorwürfen eingelassen.

Sind weitere Verdächtige/Prozesse zu erwarten?

Anfangs gibt es vier Beschuldigte. Kurz darauf sind es doppelt so viele. Dann sind es zwanzig, dreißig. Die Zahlen steigen bis Mitte November fast stündlich. Von den ersten Spuren aus Bergisch Gladbach ausgehend, ergeben sich im Laufe der Monate Hinweise auf Tausende Täter. Ein Netzwerk ohne Hierarchie. Mit Kommunikation über Skype, Threema Gruppenchat, Messenger oder Whatsapp-Gruppe. Der Justizminister des Landes NRW, Peter Biesenbach, sagt Ende Juni, ihm sei speiübel geworden als er einen Einblick in die Ermittlungen erhalten habe. Er spricht von mindestens 30.000 verdächtigen IP-Adressen, die bisher ermittelt wurden. Hinweis auf eine enorme Zahl von Tätern.

Es sind auch schon Täter verurteilt worden. Ein Soldat aus Kleve zum Beispiel wurde zu zehn Jahren Haft und Unterbringung in einer psychiatrischen Klinik verurteilt. Er hatte seine Stieftochter missbraucht. Konkret Beschuldigte in NRW sind Stand vergangenen Donnerstag 87 Männer.

Wie hat Bergisch Gladbach die Polizeiarbeit verändert?

Die eigentliche Polizeiarbeit hat sich kaum verändert. In akribischer Kleinarbeit werden noch so winzige Hinweise in Chatverläufen, Videos oder Fotos gesucht. Neu ist aber tatsächlich die ungeheure Belastung, der die Ermittler ausgesetzt sind. Sie setzen sich selbst unter Druck, da sie wissen, dass viele hilflose Opfer weiter bei ihren Peinigern leben.

Die ermittelnden Beamten fühlen sich wie in einem Perpetuum mobile. Jeder neue enttarnte Täter bringe Spuren zu weiteren Verdächtigen. Der Polizeibeamte Carsten Hambloch zum Beispiel arbeitet in der Ermittlungsgruppe "Berg". Er sagt, es gebe Stimmen im Haus, dass die Gruppe wohl nie aufgelöst werde. Auch der Prozess gegen den 43-Jährigen aus Bergisch Gladbach könnte neue Spuren zu weiteren Tätern bringen, glauben die Ermittler. Auch wenn die Zahl der mutmaßlichen Täter jetzt schon alle Befürchtungen weit übersteige.

Stand: 09.08.2020, 19:10