Schlag gegen sexualisierte Gewalt an Kindern - Kölner Ermittler geben Details bekannt

Stand: 30.05.2022, 20:11 Uhr

Nach dem Schlag der Kölner Polizei und der Staatsanwaltschaft gegen einen Mann, der Kindern schwere sexualisierte Gewalt angetan haben soll, haben die Behörden weitere Details bekanntgegeben. Innenminister Reul zeigte sich erschüttert.

Von Jörn Kießler

Der Fall um einen Mann aus Wermelskirchen, der über Jahre mehreren Kindern sexualisierte Gewalt angetan und seine Taten gefilmt und fotografiert haben soll, ist nach Informationen der Ermittler noch umfangreicher und grausamer als die Missbrauchsfälle von Lügde. Das betonten Vertreter von Polizei und Staatsanwaltschaft bei einer Pressekonferenz am Montag in Köln.

Demnach beging der 44-Jährige, der im Dezember 2021 in seiner Wohnung in Wermelskirchen festgenommen wurde, offenbar schon vor mehr als 15 Jahren seine ersten Taten. Nach Informationen des Kölner Oberstaatsanwalts Ulrich Bremer soll er in der Zeit von 2005 bis 2019 zehn Jungen und zwei Mädchen mindestens 18 Mal schwer sexuell missbraucht haben. Aufgrund dessen wurde der Haftbefehl gegen den Verdächtigen am 20. Mai erweitert.

Innenminister Reul: neue entsetzliche Dimension

Innenminister Herbert Reul (CDU) zeigte sich über die Ergebnisse der Ermittlungen erschüttert. Es handle sich um "eine neue entsetzliche Dimension", sagte er am Montag in Köln. Man habe es hier mit einer "unfassbaren Brutalität" zu tun. Reul schilderte:

"Die Täter haben sich auf barbarischste Art und Weise an Babys, an Kleinkindern vergangen, sie missbraucht, vergewaltigt, gequält und ihr Handeln dann auch noch gefilmt. Und dazu sind diese Videos sehr lang. Teilweise dauern sie über 30-40 Minuten, entsprechend lang ist das Leiden der Kinder.“ Innenminister Herbert Reul (CDU)

Hälfte der Opfer jünger als drei Jahre

Seine Opfer sollen zwischen einem Monat und 14 Jahren alt gewesen sein. "Mehr als die Hälfte der missbrauchten Kinder waren jünger als drei Jahre", so Bremer. "Der Verdächtige hat die Taten bei den Vernehmungen im Kern eingeräumt."

Erster Kriminalhauptkommissar Jürgen Haese und Falk Schnabel, Polizeipräsident von Köln

Jürgen Haese, Leiter der BAO "Liste"

An einen Großteil seiner Opfer soll der Verdächtige gekommen sein, indem er bis 2018 seine Dienste als Babysitter im Kölner Umland anbot. Einige der Kinder habe er nur einige Male betreut, so Jürgen Haese, Leiter der Ermittlungsgruppe der Kölner Polizei. Auf andere Kinder habe er über mehrere Jahre immer wieder aufgepasst.

Kontakt zu anderen Pädophilen in ganz Deutschland

Oberstaatsanwalt Ulrich Bremer und Oberstaatsanwalt Joachim Roth

Oberstaatsanwalt Ulrich Bremer

Darüber hinaus soll der Verdächtige auch gezielt Kontakt zu anderen Pädophilen in ganz Deutschland aufgenommen haben und mit ihnen Fotos und Videos mit kinderpornografischen Inhalten ausgetauscht haben. Nach der Festnahme des Mannes stellte die Polizei rund 32 Terabyte Daten in dem Haus in Wermelskirchen sicher.

"Wenn man sich vorstellt, dass ein Terabyte bereits einen Papierstapel von 25 Kilometer Höhe ergibt, kann man sich das ungefähre Ausmaß vorstellen." Ulrich Bremer, Oberstaatsanwalt Köln

So fanden die Ermittler laut Haese allein auf einer Festplattenpartition 3,5 Millionen Bild- und 1,5 Millionen Videodateien. Um die gesamte Datenmenge zu sichern, brauchten die Beamten 17 Tage.

Um selbst den Überblick über diese Daten zu behalten, fertigte der 44-Jährige offenbar detaillierte Listen an. Die Besondere Aufbauorganisation (BAO) die die Polizei gründete, um die Fälle zu untersuchen, wurde daher auf den Namen BAO "Liste" getauft.

73 weitere Tatverdächtige identifiziert

Obwohl dieses Material noch nicht vollständig gesichtet wurde, konnten die Ermittler bereits 73 weitere Verdächtige identifizieren. Laut Bremer wurden ihre Daten an die örtlich zuständigen Ermittlungsbehörden in 14 Bundesländern übermittelt, die Verfahren gegen die Verdächtigen eröffnet haben. Lediglich nach Bremen und ins Saarland hatte der Verdächtige nach bisherigem Kenntnisstand keine Kontakte. Allein 26 Verfahren wurden laut Bremer in NRW aufgenommen.

Polizeipräsident Falk Schnabel

Der Kölner Polizeipräsident Falk Schnabel

Nicht nur die reine Zahl der mutmaßlichen Täter und deren Opfer lässt selbst die erfahrenen Ermittler "erschüttert und fassungslos" zurück, wie der Kölner Polizeipräsident Falk Schnabel betonte.

"Ein solches Ausmaß an menschenverachtender Brutalität und gefühlloser Gleichgültigkeit gegenüber dem Leid von kleinen Kindern, den Schmerzen und ihren Schreien und ihrer offensichtlichen Angst, ist mir noch nicht begegnet. Und so etwas habe ich mir auch nicht vorstellen können." Falk Schnabel, Polizeipräsident Köln

Missbrauchsfälle: Ermittler "unter höchster Belastung"

Im WDR-Interview sprach Schnabel am Montagabend auch über die Ermittlerinnen und Ermittler, die die enormen Datenmengen sichten mussten. Diese stünden "unter höchster Belastung", sagte Schnabel. Sie würden durch die Einbindung der Polizeiseelsorge und anderen beratenden Angeboten begleitet.

Schnabel forderte zudem, mehr für die Prävention von von sexualisierten Straftaten an Kindern zu tun. Er hoffe, dass die hohen Strafen abschreckende Wirkung auf mögliche zukünftige Täter hätten. Schnabel äußerte sich außerdem kritisch über die aktuellen Datenschutzregelungen. "Man muss nochmal hinterfragen, ob beim Datenschutz ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen Schutz und Täterschutz besteht."

Tipp aus Berlin bringt Ermittler auf die Spur des 44-Jährigen

Auf die Spur des 44-Jährigen kam die Kölner Polizei laut Oberstaatsanwalt Bremer durch einen Hinweis des Landeskriminalamts (LKA) in Berlin. Bei Ermittlungen in einem Fall sexualisierter Gewalt gegen Kinder waren die Berliner Ermittler auf einen Chat zwischen ihrem Verdächtigen und dem Mann aus Wermelskirchen gestoßen.

Die Kölner Polizei nahm daraufhin die Ermittlungen auf und überwachte unter anderem das Telefon des Mannes. Daraus ergaben sich ausreichend Hinweise, um einen Haftbefehl gegen ihn auszustellen. Am 3. Dezember 2021 stürmte dann ein Spezial-Einsatz-Kommando (SEK) die Wohnung des Verdächtigen.

SEK nimmt Verdächtigen vor Rechner fest

Dies sei nicht geschehen, weil man dachte, der Verdächtige sei gefährlich, betonte der Leiter der Ermittlungsgruppe Jürgen Haese. Stattdessen habe man gehofft, ihn am "offenen Rechner zu erwischen", weil man davon ausging, dass seine Daten sonst Passwort geschützt sein könnten.

Dieser Plan der Polizei ging auf. Seitdem sind die Ermittler dabei, die Daten auszuwerten. Darin finden sich laut Haese auch Hinweise darauf, dass der mutmaßliche Täter einigen Kindern Betäubungsmittel verabreicht habe, bevor er sie auf brutalste Weise vergewaltigte.

Zudem gehen die Ermittler allein aufgrund der riesigen Datenmenge davon aus, dass sich die Zahl der Opfer weiter erhöhen könnte.