Kirche und sexueller Missbrauch: Das Leiden der Betroffenen

Stand: 23.02.2022, 06:00 Uhr

Am Landgericht Köln steht der Prozess gegen Pfarrer U. vor dem Abschluss, er ist wegen schweren sexuellen Missbrauchs angeklagt. Auch die Pflegetochter war mutmaßlich sein Opfer. Wir haben sie getroffen.

Von Christina Zühlke und Markus Schmitz

Die Frau im beigen Mantel mit der weißen Mütze zittert wie Espenlaub. Und das liegt nicht nur daran, dass ein eisiger Wind durch den kleinen Ort Kerpen-Türnich weht. Als Beate Ley (Name geändert) aus dem Auto steigt, steht sie zum ersten Mal wieder vor dem Haus, in dem sie als Mädchen fünf Jahre lang ein Martyrium erlitt.

Vom Pflegevater missbraucht

Neben ihr steht ihr Pflegebruder Peter Grunt (Name geändert). Freundlicher, offener Blick, dunkle Jacke. Die beiden sind zwar keine leiblichen Geschwister, aber man merkt in den kommenden Stunden immer wieder, dass er, der Ältere, sie beschützen will. Dabei ist es seine Welt, die erst vor wenigen Wochen aus den Angeln gehoben wurde. Im November 2021, als seine Schwester ihn besuchte, um sich "zu outen", wie sie selbst es nennt. Um ihm zu sagen, dass ihr gemeinsamer Pflegevater, der Priester Hans Bernd U. sie jahrelang missbraucht habe. Rechtlich ist das verjährt, doch die Erinnerung vergeht nicht.

"Ich war immer eifersüchtig"

Was Peter Grunt vor allem beschäftigt: "Ich war damals immer eifersüchtig auf Beate. Sie durfte beim Bernd im Zimmer schlafen. Sie wurde stundenlang gebadet. Ich war immer allein." Er müsse sich erstmal neu sortieren, das sagt er nicht nur einmal an diesem Tag. Seine Schwester schaut zu den Fenstern in dem roten Backsteinhaus an der Türnicher Kirche und sagt: "Da war das Bad. Daran will ich mich am liebsten gar nicht erinnern."

Mit Wetten gefügig gemacht

Frau und Mann sitzen mit dem Rücken zur Kamera an einem Tisch. Links steht ein Mann neben einer Fernsehkamera

Aus Scham jahrzehntelang geschwiegen

Später, in einem warmen Café in der Nähe des Kölner Hauptbahnhofs, findet sie die Kraft zu erzählen, was genau sie als Kind erlebt hat und wie der Pflegevater sie dazu brachte, Dinge zu tun, die sich unangenehm anfühlten, die sie aber nicht so recht einordnen konnte: "Ich war immer ehrgeizig. Ich wollte nicht, dass jemand sagt: Das hast Du ja nicht geschafft." Und so, sagt die heute 55-Jährige, habe der Pflegevater mit ihr gewettet, dass sie es nicht schaffen würde, eine Flasche Cointreau zu leeren. Mit 12 oder 13. War sie einmal betrunken, habe er gewettet, dass sie es nicht schaffe, sich eine Banane einzuführen. Oder den Hals einer Petroleumlampe. "Das weiß ich noch genau, da hatte ich Angst, dass die kaputtgeht."

Vor Gericht

Genau diese Beispiele erzählte Beate Ley auch vor dem Kölner Landgericht, wo sie Ende 2021 als Zeugin geladen war. Ihr Pflegevater, der Angeklagte, würdigte sie keines Blickes. "Ich hätte mir gewünscht, dass er aufsteht und sagt: Hör auf, ich gebe das alles zu. Ich erzähle es und erspare dir das."

"Die Kinder des Kaplans"

In den 1980er-Jahren brachte der Kölner Stadt-Anzeiger eine Geschichte über den Priester und seine Pflegekinder. "Die Kinder des Kaplans" steht als Überschrift darüber. Auf dem Foto: Der Priester mit der Schubkarre, daneben Beate und Peter. Sie seien damals sogar zum Erzbischof bestellt worden, erzählen sie. Er habe wissen wollen, ob sie denn aus dem Heim zu U. ziehen wollen. Aber danach habe es keine Kontrolle mehr gegeben, in ihrer Erinnerung. Warum sie sich damals niemandem anvertraute? "Ich dachte, ich sei mit schuld. Oder dass dann die Leute im Dorf mit dem Finger auf mich zeigen."

Falschaussage vor elf Jahren

Als sie vor elf Jahren bereits einmal von der Polizei zu ihrem Pflegevater befragt wurde, erzählte sie nichts von dem Missbrauch. Damals hatten die Nichten des Angeklagten zum ersten Mal Vorwürfe erhoben, dann aber keine Aussage mehr machen wollen. Sie, Beate, habe einfach vergessen wollen, sagt sie heute. Und es sei ja nicht vor Gericht gewesen. Auch von der Kirche habe niemand nochmal nachgehört.

Vorwürfe ans Bistum Köln

Peter Grunt wirft der Kirche vor, dass sie als Seelsorger noch heute versagt: "Wir sind doch jetzt bekannt, nachdem wir vor Gericht ausgesagt haben. Warum meldet sich niemand und fragt mal, wie es uns geht?" Seine Schwester sieht das anders. Sie würde an Stelle des Erzbistums auch erstmal den Prozess abwarten. Aber dann wünscht auch sie sich, dass sie beispielsweise in Akten nachlesen kann, um mehr zu erfahren.

Der Pflegevater der beiden, Pfarrer U., will sich auf WDR-Anfrage nicht zu den Vorwürfen äußern. Seine Pflegetochter sitzt im Kölner Café, sichtlich erschöpft nach ihren Erzählungen. Sie hat sich fest vorgenommen, am Freitag zur Urteilsverkündung zu gehen.

Kirchlicher Missbrauch: Kommissionen müssen warten

WDR 5 Westblick - aktuell 21.02.2022 05:53 Min. Verfügbar bis 21.02.2023 WDR 5


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