Mehr Sicherheit am Hauptbahnhof Düsseldorf

Hauptbahnhof Düsseldorf

Mehr Sicherheit am Hauptbahnhof Düsseldorf

Von Benjamin Sartory

  • Sicherheit im Bahnhofsviertel soll besser werden
  • 7.500 Düsseldorfer werden befragt
  • Düsseldorf einzige NRW-Stadt beim Projekt

Dealer, Junkies, Trinker. Das Düsseldorfer Bahnhofsviertel hat ähnliche Probleme wie andere Großstädte. Wie man sie bekämpfen kann, will jetzt ein Forschungsprojekt der Universitäten Wuppertal und Tübingen herausfinden. Düsseldorf ist NRW-weit die einzige Stadt, die mitmacht. Bundesweit sind noch Leipzig und München dabei.

Nach wissenschaftlichen Vorarbeiten ist das Kernprojekt am Montag (04.06.2018) mit einem Fragebogen gestartet. 7.500 Düsseldorfer sollen auf zwölf Seiten Fragen zu ihrem Sicherheitsempfinden im Bahnhofsviertel beantworten. Sie wurden per Zufall ausgewählt. Gefragt werden Einwohner des gesamten Stadtgebietes.

Randgruppen sollen nicht vertrieben werden

Am Forschungsprojekt beteiligt ist unter anderen Tim Lukas von der Uni Wuppertal. Er will die Situation im Düsseldorfer Bahnhofsviertel verbessern, ohne Randgruppen zu vertreiben. "Uns wäre daran gelegen, die Aufenthaltsqualität im Bahnhofsviertel generell zu erhöhen", sagt der Wissenschaftler.

Dr. Tim Lukas, Wissenschaftler an der Universität Wuppertal

Dr. Tim Lukas, Wissenschaftler an der Universität Wuppertal

Ziel ist es, dass sich zum Beispiel Obdachlose, Pendler und Anwohner rund um den Bahnhof mehr durchmischen. Aus Sicht der Forscher entstehen dann weniger Angsträume, die "soziale Kontrolle" sei höher.

Als positives Beispiel nennt Tim Lukas den Heinrich-Heine-Platz in der Düsseldorfer Altstadt: "Da halten sich Wohnungslose und Punks auf und Teile der Mehrheitsgesellschaft, die dort ihr Eis schlecken".

Auch Obdachlose werden gefragt

Im Rahmen des Projektes sollen auch Randgruppen mit an den Tisch gebracht werden. So sollen Obdachlose zum Beispiel eigene Angsträume per Foto dokumentieren. Die Forscher arbeiten dazu mit der Obdachlosenhilfe "fiftyfifty" und der Fachhochschule Düsseldorf zusammen.

Das Forschungsprojekt wird unter anderem vom Bund gefördert und ist auf drei Jahre ausgelegt. Am Ende wollen die Wissenschaftler ein Präventions- und Handlungskonzept für das Düsseldorfer Bahnhofsviertel erstellen.

Kunstausstellung zwischen Bordell, Waschsalon und Hauptbahnhof

Von Thomas Köster

Von fremden Ländern in eigenen Städten, Düsseldorf 2018 (Ausstellungsansicht)

Kriminelle Problemzone und multikultureller Schmelztiegel; häßliche Bausünde mit Bordell, originellen Kneipen und poetischen Waschsalons: Das alles ist das Viertel um den Düsseldorfer Hauptbahnhof - und droht bald zum Investitionsspielball zu werden. "Das Ausstellungsprojekt kommt deshalb zur rechten Zeit", sagt die Fotografin Katharina Sieverding.

Kriminelle Problemzone und multikultureller Schmelztiegel; häßliche Bausünde mit Bordell, originellen Kneipen und poetischen Waschsalons: Das alles ist das Viertel um den Düsseldorfer Hauptbahnhof - und droht bald zum Investitionsspielball zu werden. "Das Ausstellungsprojekt kommt deshalb zur rechten Zeit", sagt die Fotografin Katharina Sieverding.

Mit einem 200 Meter langen Bilderfries, der die provisorische Spielstätte des Düsseldorfer Schauspielhauses in einem heruntergekommenen 80er-Jahre-Bau umspannt, hat Fotografin Katharina Sieverding das imposanteste Werk der Schau geschaffen. "Hier ist das Theater näher an der Straße", sagt Sieverding. Und ihre Arbeit näher an den Menschen.

Im Rotlichtviertel unweit des Bordells "Bahndamm" zeigt Katharina Sieverdings Tochter Pola, selbst Fotografin und Filmemacherin, ein Video über den "Box-Papst" Wilfried Weiser. Hier steht sie in Weisers legendärem Ring in der Vulkanstraße, in dem schon Größen wie Henry Maske, Graciano Rocchigiani oder Regina Halmich boxten.

Der Boxring ist fürs Publikum nicht zugänglich, der Film läuft in Weisers - inzwischen geschlossener - Kneipe "Beim Box-Papst", die auch schon mal ein Pornokino war. Mit ihren Fotos und Gemälden erzählt Wilfried Weiser in ruhigen Einstellungen und O-Tönen vom schillernden Leben einer Kiez-Größe - dankenswerterweise, ohne die Sensationslust zu befriedigen.

Im Grunde geht es in der Schau um die Frage, wie Bewohner den öffentlichen Raum, der nicht ihnen gehört, in Besitz nehmen. Dabei wird der Künstler zum subversiven Komplizen. Zum Beispiel, wenn er, wie John Miller, das gelbe Band der Sympathie eines Bankanbieters mit der Botschaft überschreibt, sich gegen festgefahrene Gewohnheiten aufzulehnen.

Vielleicht nehmen aber auch umgekehrt Investoren das Viertel mit seinen Gewinn versprechenden Brachflächen in Besitz. Was dann blüht, beschreibt Jan Hoeft auf seinem Immobilienschild, dessen Einzelteile aus dem Internet zusammengekauft sind und dessen Figuren inzwischen bittere Tränen weinen. Auf der Wiese im Hintergrund üben schon mal die bissigen Hunde eines Security-Dienstes.

Imposant ist die Ausstellung vor allem deshalb, weil sie auch Terrains erkundet, die bisher für den Kunstbetrieb - und für die Stadtbewohner - Terra incognita waren. So hat die Leiterin der Düsseldorfer Bahnhofsmission Barbara Kempnich (rechts) unter Mithilfe der Dokumenta-Teilnehmerin Irene Hohenbichler Obdachlose ermuntert, Objekte für eine "Wunderkammer des Quartiers" zu schaffen. Diese ist jetzt in einem leerstehenden Ladenlokal zu sehen.

"Die Obdachlosen nehmen sich ja zumeist als Opfer wahr und nicht als Subjekt", sagt Kempnich. "Es war toll zu sehen, wie sie durch das Projekt die Zügel wieder in die Hand bekamen." Auch die Ergebnisse lassen sich sehen. Wie dieses filigrane Origami-Objekt, das auf verschiedenen Ebenen zu öffnen ist und den Blick freigibt auf Sätze auf dem Lebensalltag. Ganz unten, als Bodensatz und Erdhaftung gewissermaßen, findet sich ein Plan der Düsseldorfer Innenstadt.

Einen Effekt hat die Schau für Katharina Sieverding jetzt schon gebracht: "spannende Gespräche mit Menschen, die vielleicht nie ein Museum betreten würden. Und die mir teilweise ihr Herz ausgeschüttet haben über ihr Schicksal, ihre Nöte, ihre Süchte. So etwas habe ich noch nie erlebt." Wenn das Projekt also dazu führt, dass die Bewohner des Bahnhofsviertels angeregt werden, über sich und die Zukunft ihres Quartiers nachzudenken, sei der Hauptzweck erfüllt.

Am Hinterausgang des Hauptbahnhofs - beim unglaublich gesichtslosen Bertha-von-Suttner-Platz - verwandelt eine Lichtinstallation von Manuel Graf die Architektur in einen arabischen Tempel. Tagsüber beleuchten Grafs Kacheln eine Welt, die (vielleicht etwas orientierungslos) zwischen Tradition und Moderne schwankt.

Zugleich sind die Kacheln mit ihren orientalischen Smartphones eine Aufforderung, selbiges in die Hand zu nehmen und die Audiotour von Fari Shams abzuspielen. An sieben Orten erklingen dann die Reden von Bewohnern der Umgebung: Obdachlose, Ladenbesitzer, Manager, Sozialarbeiter, die mit einer Zunge reden: Durch eine Neuvertonung mit einem Sprecher verschmelzen die Identitäten zu einer polyphon-urbanen Einheit.

Wer die fremden Länder in Düsseldorf erleben will, muss also nicht in den Zug steigen. Er kann fremden Stimmen lauschen. Oder durchs sogenannte Maghreb-Viertel schlendern. Oder in die Stadtbibliothek gehen. Hier haben Mira Mann und Sean Mullan ein virtuelles Reisebüro eingerichtet. "Nach einer Bestandsaufnahme Ihrer Angaben konfiguriert unser System Ihre individuelle Reise", heißt es in der Ankündigung. Na dann: Gute Fahrt.

"Von fremden Ländern in eigenen Städten" ist noch bis zum 19. August 2018 an verschiedenen Orten im Düsseldorfer Innenstadtraum zu sehen. Zur Ausstellung ist eine kostenlose "Zeitung" erschienen, die alle Projekte auf deutsch und englisch beschreibt.

Stand: 04.06.2018, 05:00