Medizin-Experten: Kitas und Grundschulen vollständig öffnen

Medizin-Experten: Kitas und Grundschulen vollständig öffnen

  • Forderung von vier medizinischen Fachgesellschaften
  • Kitas und Grundschulen umgehend und vollständig öffnen
  • Bundesministerin Giffey will verstärkt Frauen fördern

"Kitas, Kindergärten und Grundschulen sollen möglichst zeitnah wiedereröffnet werden", und zwar "uneingeschränkt". Das fordern Experten von vier medizinischen Fachverbänden, darunter der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte und die Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendmedizin. Über das Schreiben hatte zuerst die "Neue Osnabrücker Zeitung" am Dienstag (19.05.2020) berichtet.

Verbände: Kein erhöhtes Ansteckungsrisiko durch Kinder

Nach Meinung der Experten müssten die Kinder weder Abstand wahren noch Masken tragen und auch keine kleinen Gruppen bilden. Zu der umstrittenen Frage, wie ansteckend Kinder sind, schreiben die Verbände: "Zahlreiche Erkenntnisse sprechen gegen ein erhöhtes Ansteckungsrisiko durch Kinder."

Einschätzung der Verbände umstritten

Allerdings ist die Einschätzung der Medizin-Experten nicht unumstritten. So kommt etwa der Virologe Christian Drosten in einer Studie zu dem Ergebnis, dass die Viruskonzentration bei Kindern der von Erwachsenen ähnelt. Auch Virologe Alexander Kekulé sowie SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach vertreten andere Ansichten.

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Welche Rolle spielen Kinder in der Infektionskette?

Kinder standen laut Analysen bisher am Ende der Infektionskette. Mit der Schulöffnung könnte sich das ändern - dann könnten sie Infektionen in Familien hineintragen.

Der Virologe Christian Drosten kommt auch nach der Überarbeitung seiner Studie zu dem Ergebnis, dass die Viruskonzentration bei Kindern der von Erwachsenen ähnelt. Die Forschung zu Kindern und Corona-Infektionen ist schwierig, da Kitas und Schulen nicht regulär geöffnet hatten.

Stand: 01.07.2020

Zudem warnt die EU-Behörde für Krankheitsvorsorge (ECDC) aktuell vor einer neuen, lebensbedrohlichen Kinderkrankheit, von der unklar sei, ob sie mit dem Coronavirus in Zusammenhang steht. Sie ähnelt dem bekannten Kawasaki-Sydrom oder dem toxischen Schocksyndrom.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen der tödlichen Kinderkrankheit Kawasaki-Syndrom und Corona?

Nach Fällen in Italien, Großbritannien, Frankreich und anderen europäischen Ländern sind auch bei Kindern in den USA ungewöhnlich schwere Erkrankungen festgestellt worden. Symptome sind starke Entzündungen. Ärzte sprechen von einer Erkrankung, die dem Kawasaki-Syndrom ähnlich ist, haben ihr aber eigenen Namen gegeben: pädiatrisches entzündliches Multisystem-Syndrom, abgekürzt MIS-C. Sie gehen von einem Zusammenhang mit dem Coronavirus, da bei vielen betroffenen Kindern Antikörper gegen SARS-CoV-2 im Blut gefunden wurden.

  • Bei dieser neuartigen Krankheit sind verschiedene Körperteile von Entzündungen betroffen, ausgelöst offenbar durch eine übertriebene Immunreaktion.
  • Vermutet wird eine Fehlreaktion des Immunsystems auf Atemwegsinfektionen. Zu den möglichen Auslösern zählen neben Rhinoviren auch vier schon länger bekannte Typen von Coronaviren.
  • Zu den Symptomen zählen anhaltendes Fieber, Ausschlag, Bauchschmerzen und Erbrechen.

Stand: 20.07.2020

Die Forderung der Fachverbände ist allerdings Wasser auf die Mühlen vieler Corona-gestresster Eltern. "Spielplätze sind auf, Indoor-Spielplätze sollen wieder öffnen, Freizeit- und Freibäder. Es wird immer schwieriger zu vermitteln, dass die Kita nach wie vor zu ist", sagte Daniela Heimann vom NRW-Landeselternbeirat dem WDR am Montag (18.05.2020).

Wie läuft eine Corona-Infektion bei Kindern?

Kinder mit Covid-19 haben meist milde Krankheitsverläufe. Eine Studie aus Südkorea sagt: Kinder haben nur in 30 Prozent der Fälle Fieber. Viele hätten gar keine Symptome.

Schnupfen gilt bei Kindern bei einer Corona-Infektion als häufig - bei Erwachsenen dagegen als selten.

Weniger als ein Prozent der infizierten Kinder und Jugendlichen sterben an den Folgen der Infektion. Dieses Ergebnis einer Studie wurde von der Fachzeitschrift "The Lancet Child & Adolescent Health" veröffentlicht.

Diskutiert wird die Frage, ob die Erkrankung bei Kindern und Jugendlichen Spätfolgen haben könnte.

Stand: 31.08.2020

Landesregierung: Kita für alle erst ab September

Nach den aktuellen Plänen der Landesregierung sollen Kitas mit Einschränkungen frühestens ab September für alle Kinder wieder regelmäßig öffnen. Aktuell werden in NRW nur Kinder von Eltern in systemrelevanten Berufen, von erwerbstätigen Alleinerziehenden sowie Vorschulkinder mit Förderbedarf in Kitas betreut - ab kommenden Montag (25.05.2020) auch alle Vorschulkinder.

Auch der SPD-Opposition im Düsseldorfer Landtag geht das nicht schnell genug. Sie fordert einen Stufenplan, demnach alle Kinder schon ab 8. Juni wieder in die Kita dürfen.

Kitas in NRW: Nicht für Alle

WDR 5 Morgenecho - Westblick am Morgen 19.05.2020 03:38 Min. Verfügbar bis 18.05.2021 WDR 5 Von Solveig Bader


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Stamp rechtfertigt schrittweises Vorgehen

NRW-Familienminister Joachim Stamp (FDP) verteidigte die Vorgehensweise der Landesregierung: "Die Öffnung von Kitas und Kindertagespflege erfolgt nach einem klaren Plan, der schrittweises Vorgehen vorsieht. Bei der genauen Terminierung der Schritte müssen immer die Träger beteiligt werden, da sie mit den Beschäftigten vor Ort diese Schritte umsetzen müssen", sagte er der "Rheinischen Post" vom Dienstag. Dennoch will er den eingeschränkten Regelbetrieb nicht erst im September anbieten, kündigte er an, ohne sich auf einen Termin festzulegen.

Giffey: Familien nicht vergessen

Derweil verlangte Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) in den ARD-"Tagesthemen", mit den geplanten Corona-Konjunkturhilfen verstärkt Frauen zu unterstützen. Die Familien dürften nicht vergessen werden: "Wenn wir Konjunkturprogramme auflegen, dann müssen wir sie so gestalten, dass gerade auch die Frauen berücksichtigt werden."

Stand: 19.05.2020, 20:09