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Demos im Rheinland: Rechtsextreme suchen Einfluss

Stand: 10.01.2022, 16:35 Uhr

Neonazis, Antisemiten und Holocaust-Leugner marschieren bei Protestmärschen im Rheinland Seite an Seite mit besorgten Bürgern. Rechtsextreme Gruppen wollen so offenbar Anhänger gewinnen.

Er redet von Impfzwang, von Diktatur und er beschwört das Grundgesetz – was wohl nur wenige der Menschen wissen, die ihm Beifall klatschen: Alexander Kurth ist seit Jahrzehnten fest in der rechtsextremen Szene verwurzelt. Die Wochenzeitung "Die Zeit" nennt ihn Neonazi. Am vergangenen Donnerstag trat der Polit-Kader aus Sachsen in Leverkusen bei einer Demonstration gegen Corona-Maßnahmen auf.

Rechtsextremisten ziehen bei Demo in Leverkusen die Strippen

Der unter anderem wegen Körperverletzung verurteilte Alexander Kurth unterstützte in Leverkusen den "Aufbruch Leverkusen". Diese vom nordrhein-westfälischen Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestufte Gruppierung war offenbar für die Organisation der Demo zuständig. Der Anführer des "Aufbruchs", der Rechtsanwalt und Politiker Markus Beisicht, war Moderator und Hauptredner während der Kundgebung.

Keine Distanz zu Extremisten

Dass Rechtsextremisten bei der Demonstration in Leverkusen die Fäden zogen, war vielen der etwa 400 Demonstranten offenbar egal. "Vor Jahren habe ich noch gegen Markus Beisicht demonstriert", sagt eine Teilnehmerin. "Bei der Frage Ausländer aufnehmen oder nicht, sind wir ganz unterschiedlicher Meinung. Aber Corona, das ist für mich jetzt so eine fundamentale Frage. Da ist es für mich ok, mit jemandem auf die Straße zu gehen, der in manchen Punkten nicht meiner Meinung ist."

Eine andere Frau, die früher für eine bürgerliche Partei im Leverkusener Stadtrat saß, sagt: "Generell sind wir alle jetzt an einem Punkt, wo wir alle zusammenkommen müssen, um einfach unsere Regierung platt zu machen.“

Rechtsextreme wollen Corona-Demonstranten radikalisieren

Experten der Mobilen Beratungsstelle gegen Rechts in Köln beobachten zunehmend, dass Rechtsextremisten Corona-Protest nutzen, um Menschen gegen den Staat und die Gesellschaft aufzustacheln. "Rechte glauben, da Potential abgreifen zu können und Menschen noch ein Stück weiter radikalisieren zu können", sagt Patrick Fels von der Mobilen Beratungsstelle gegen Rechts dem WDR. "Rechte Organisationen nutzen diese Proteste, um Menschen an ihre Ideen heranzuführen, und sie treten als Stichwortgeber auf."

In Gummersbach im Oberbergischen Kreis steigt seit Wochen die Zahl der Menschen, die gegen Corona-Maßnahmen demonstrieren: besorgte Krankenschwestern, Menschen aus der bürgerlichen Mitte, zuletzt waren es 1.600.

Hitler-Fans und Antisemiten outen sich bei Telegramm

Ein Teil der Demonstranten organisiert sich in Chatgruppen im Messenger-Dienst Telegramm. Dort wird Klartext geschrieben: Es gibt Rufe nach einem Führer wie Adolf Hitler, antisemitische Verschwörungstheorien und Drohungen gegen Politiker, Ärzte und Journalisten.

Unter die bürgerlichen Demonstranten in Gummersbach haben sich also offenbar auch längst Rechtsextremisten gemischt. Aus ihren Posts bei Telegramm geht hervor, dass sie sich freuen, in Gummersbach Seite an Seite mit immer mehr Menschen aus dem bürgerlichen Lager zu marschieren.

Rote Linie gegen Rechtsextremisten gefordert

In diesem gemeinsamen Auftreten sieht auch Patrick Fels von der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus die Gefahr: "Wir sehen ja, dass beispielsweise bei Telegramm ganz massiv zu Gewalt aufgerufen wird, dass teilweise der Holocaust geleugnet wird und das ist spätestens der Punkt, wo Menschen, die noch einigermaßen klar im Kopf sind, eine rote Linie ziehen müssen und sagen, bis hierhin und nicht weiter." Das müsse dann aber auch Konsequenzen haben.

Auch in Köln entwickeln sich jetzt Corona-Demos. Am Samstag waren es mehrere Hundert Teilnehmer. Heute werden 1.500 erwartet. Auch bei diesen Demonstrationen treffen Menschen, die sich Sorgen wegen der Corona-Einschränkungen machen, auf Demonstranten mit Bezügen ins rechte Lager. Auch hier scheint das vielen aber egal zu sein.