Mahnwache gegen Obdachlosigkeit am Kölner Hauptbahnhof

Schild mit der Aufschrift: "Mieten Stopp!" und einige Tüten

Mahnwache gegen Obdachlosigkeit am Kölner Hauptbahnhof

Von Pamina Rosenthal

Von Freitagabend bis Montagmorgen waren Kölnerinnen und Kölner eingeladen, eine Nacht mit Obdachlosen auf dem Bahnhofsvorplatz zu verbringen. Ziel der Aktion war es, auf Ungerechtigkeiten des Kölner Wohnungsmarkts hinzuweisen.

Ein großes Zelt, ein Wärmepilz und Essensspenden. Damit wollten die Vereine "Sozialistische Selbsthilfe Mülheim" (SSM) und "Helping Hands Cologne" den Menschen in Köln ihre möglicherweise erste Nacht auf der Straße wenigstens ein bisschen angenehm machen. Einen Schlafsack musste jeder selbst mitbringen.

Die Botschaft des Abends war klar. Rainer Kippe von der Sozialistischen Selbsthilfe Mülheim (SSM) hat vor allem die Stadt Köln adressiert.

Vorwürfe an die Stadt

"Hier in dieser Stadt werden hunderte Millionen Euro für prächtige Projekte ausgegeben. Eine neue Oper wird gebaut. Der Dom wird repariert. Aber wieso ist kein Geld da, um so viel zu bauen, dass hier jeder eine Wohnung hat?" Rainer Kippe, Sozialistische Selbsthilfe Mülheim
Frau mit Maske und Schild mit der Aufschrift: "Wohnungslose brauchen Wohnungen!"

Wohnungsnot: ein immer größeres Problem in Köln.


Die Zahl der Wohnungslosen in NRW und auch in Köln steigt seit Jahren an. Im Jahr 2020 waren laut Angaben des Ministeriums für Arbeit, Gesundheit und Soziales über 7000 Menschen in Köln wohnungslos gemeldet.

Obdachlosem droht 1000 Euro Bußgeld

Vor einigen Wochen drohte das Ordnungsamt einem Obdachlosen in Köln mit einem Bußgeld über 1000 Euro. Der Mann hatte sein Zelt am Mühlheimer Stadtgarten aufgstellt. Die Stadt begründete ihr Vorgehen auf Nachfrage mit Berufung auf die Kölner Stadtordnung. Solche Verfahren würden nur außerhalb der witterungsabhängigen Winterhilfe durchgeführt. Der Mann sei zudem bereits zuvor am Wiener Platz verwarnt worden. Als sein Lager erneut am Stadtgarten aufgefunden worden sei und der Mann nicht auffindbar war, wurde die Aufforderung an seinem Zelt angebracht.

"Rainer Kippe kritisierte auch hier das Vorgehen der Stadt. Obdachlosigkeit könne nicht mit Bußgeldern gelöst werden." Auch auf diese Situation soll jetzt aufmerksam gemacht werden. Um sich mit ihnen zu solidarisieren, hatten die Vereine die Menschen in Köln dazu eingeladen, eine Nacht mit ihnen am Hauptbahnhof zu verbringen.

Mit Obdachlosen reden - anstatt über sie

An einem offenen Mikrofon hatten alle Menschen die Möglichkeit zu sprechen. Dagmar erzählte, wie sie als Ärztin durch eine Familienkrise auf der Straße gelandet ist. Andere erzählten vom Winter auf der Straße. Auch viel zu kleine Mehrbettzimmer und körperliche Übergriffe in eigentlich geschützten Räumen seien ein großes Problem.

Prominente Gäste

"Alles verlore" - Die Kölner Band "AG Arsch huh" hat für diesen Zweck eine neue Version des bekannten Höhner Songs neu geschrieben. Auch der Journalist und Autor Günter Wallraff und Kabarettist Jürgen Becker zählten zu den Übernachtungsgästen. Wallraff berichtete von seinen eigenen Erfahrungen mit Obdachlosigkeit. Er wollte mit seiner Teilnahme an der Aktion Klischees über Obdachlosigkeit brechen.

"Es kann jeden treffen. Auch einen Anwalt oder Unternehmer. Uns alle." Günter Wallraff, Kölner Journalist
Rainer Kippe und Günter Wallraff auf einer Bühne

Am offenen Mikrofon erzählt Günter Wallraff von seiner Zeit auf der Straße.

Jürgen Becker appellierte an die Kölner Politik. Hier müsse, wie in Berlin, beschlossen werden, die Obdachlosigkeit bis 2030 zu beseitigen. An der Aktion am Kölner Hauptbahnhof konnten sich alle Kölnerinnnen und Kölner von Freitag- bis Sonntagabend zwischen jeweils 18 und 9 Uhr morgens beteiligen.

Aktion kommt gut an

Alle drei Nächte war das Zelt voll. Zusammen mit Kölnerinnen und Kölnern haben über zwanzig Obdachlose laut den Veranstaltern an der Aktion teilgenommen und die Nacht am Bahnhofsvorplatz verbracht. "Die Aktion hat noch viel größere Wellen geschlagen als wir uns erhofft haben" sagte Rainer Kippe. Es sei ein gemeinsamer Austausch entstanden, der über das Wochenende hinausging. Am 14. Dezember soll im Stadtrat über das Thema Obdachlosigkeit gesprochen werden.

Die Veranstalter planen an diesem Tag eine Demonstration. Darüber wurde am Sonntagabend auch mit dem Landtagsabgeordneten Jochen Ott und weiteren Mitgliedern der SPD gesprochen, die die Aktion besuchten. Gemeinsam mit den Politkern war vor allem eine mögliche Umsetzung der Überwindung von Obdachlosigkeit in Köln bis 2030 im Gespräch.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Textes hieß es fälschlicherweise, dass das Bußgeld über den Obdachlosen am Mülheimer Stadtgarten durch das Ordnungsamt am vergangenen Wochenende verhängt worden sei. Tatsächlich war dies bereits vor mehreren Wochen der Fall. Diese Angabe haben wir korrigiert und in dem Zusammenhang auch auf die Zeit der Winterhilfe hingewiesen.

Stand: 07.12.2021, 16:00