Grundschullehrer im Bergischen Land: "Wir brauchen Phantasie!"

Lehrermangel an bergischen Grundschulen 03:05 Min. Verfügbar bis 09.09.2020

Grundschullehrer im Bergischen Land: "Wir brauchen Phantasie!"

Von Petra Dierks

  • Im Bergischen nahezu jede zweite Stelle unbesetzt
  • Gewerkschaft spricht von "Bildungsverlierern"
  • Grundschullehrer berichten von schwierigen Bedingungen

Im Bergischen Land ist fast jede zweite Lehrerstelle an Grundschulen nicht besetzt. Das melden die Bezirksregierungen Köln und Düsseldorf. Diese Zahlen bestätigen eine Studie der Bertelsmannstiftung, die am Montag (09.09.2019) veröffentlicht wurde und vor dramatischem Lehrermangel warnt. "Man muss viel Phantasie aufbringen, um überhaupt unterrichten zu können", sagt eine bergische Lehrerin, die ihren Namen nicht nennen möchte.

Umfrage erzählt von schwierigem Schulalltag

Zusammengelegte Klassen mit bis zu 40 Kindern, Schulen, in denen über die Hälfte des Lehrpersonals aus Studenten und Seiteneinsteigern besteht, Klassen mit Inklusions-Kindern ohne Sonderpädagogen, fehlende Schulleitung - all das ist an vielen Grundschulen im Bergischen Land Alltag. Bei einer anonymen, nicht repräsentativen WDR-Umfrage in der Region bestätigen bestätigen Grundschullehrerinnen und -lehrer diese schwierigen Bedingungen, mit denen sie täglich zu kämpfen haben.

Oft unterrichten Studenten

„Wenn wir Lehrer wirklich sagen, wie es an den Grundschulen zugeht, verstoßen wir gegen das Arbeitsrecht. Wir bekommen deutliche Ansagen von den Schulräten und auch von der Bezirksregierungen, nichts über die tatsächlichen Verhältnisse zu erzählen.“ So berichtet es eine bergische Lehrerin, die wie ihre Kolleginnen und Kollegen ungenannt bleiben möchte. Aus einer anderen Schule heißt es: „In vielen Schulen besteht die Hälfte des Kollegiums aus Studenten im zweiten oder dritten Semester. Die sind dann für die Hauptfächer Mathe oder Deutsch zuständig. Sie geben zwar ihr Bestes, sind aber auch oft überfordert.“

"Bildungsverlierer" an Brennpunktschulen

Schlimm steht es besonders um die so genannten „Brennpunktschulen“. Seit der Öffnung der Schulbezirksgrenzen 2008 hat sich die Situation dramatisch zugespitzt. Wer könne, melde seine Kinder an den Schulen "mit gutem Ruf" an, sagt Maike Finnern von der nordrhein-westfälischen Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Dies führe dazu, dass sich Schulen mit „Bildungsverlierern“ etablierten, an denen Lehrer nicht mehr unterrichten wollten, obwohl gerade dort gut ausgebildete Lehrer dringend gebraucht würden. Chancengleichheit sei damit nicht gegeben. Hinzu komme laut GEW ein Berg an Verwaltungsaufgaben, der die wenigen Lehrer vom eigentlichen Unterricht abhalte.

Sonderpädagogik bleibe auf der Strecke

Richard Voß von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft Wuppertal

Richard Voß, GEW Wuppertal

Aber auch die besser aufgestellten Schulen leiden unter der Mangelverwaltung. Abordnung von Pädagogen seien an der Tagesordnung, sagt Richard Voß von der GEW Wuppertal. Dies bedeute: Schulen mit mehr Lehrern müssen Lehrer an andere Schulen abgeben. Besonders häufig betroffen: Sonderpädagogen, die dann zwischen mehreren Schulen pendeln müssten. Die Förderkinder, die auf diese Pädagogen angewiesen sind, müssten dann im normalen Unterricht mit unterrichtet werden und blieben auf der Strecke.

Übersicht über fehlende Lehrerstellen

Zu besetzende Lehrerstellen an Grundschulen (1) und Förderschulen (2) sowie Einstellungen, Bezirksregierung Düsseldorf, Stand 23.08.2019

Remscheid
(1) 34 zu besetzende Stellen, 13 Lehrkräfte eingestellt (38% Quote)
(2) 19 zu besetzende Stellen, 7 Sonderpädagogen eingestellt (37 %)

Solingen
(1) 17 zu besetzende Stellen, 12 Lehrkräfte eingestellt (71 % Quote
(2) 13 zu besetzende Stellen, 6 Sonderpädagogen eingestellt (46%)

Wuppertal:
(1) 103 zu besetzende Stellen, 46 Lehrkräfte eingestellt (45% Quote)
(2) 36 zu besetzende Stellen, 16 Sonderpädagogen eingestellt (44 %)

Kreis Mettmann:
(1) 69 zu besetzende Stellen, 40 eingestellt, (58% Quote)
(2) 22 zu besetzende Stellen, 16 Sonderpädagogen eingestellt (73%)

Zu besetzende Lehrerstellen an Grundschulen (1) und Förderschulen (2) sowie Einstellungen, Bezirksregierung Köln, Stand 23.08.2019

Oberbergischer Kreis:
(1) 95 zu besetzende Stellen, 43 Lehrkräfte eingestellt (Quote 45%)
(2) 23 zu besetzende Stellen, 8 Sonderpädagogen eingestellt (35%)

Rheinisch-Bergischer Kreis:
(1) 40 zu besetzende Stellen, 25 Lehrkräfte eingestellt (Quote: 63%)
(2) 21 zu besetzende Stellen, 10 Sonderpädagogen eingestellt (48%)

Stand: 09.09.2019, 14:47