Euskirchener Landrat kritisiert "Corona-Daten-Irrsinn"

Lokalzeit2go - Bonn 02.02.2022 02:41 Min. Verfügbar bis 02.02.2023 WDR Bonn

Landräte in NRW kritisieren "Corona-Daten-Irrsinn"

Stand: 03.02.2022, 13:17 Uhr

Die Gesundheitsämter erstellen mit viel Personal die Corona-Statistiken. Mehrere Landräte halten den Aufwand für ungerechtfertigt.

Von Sebastian Tittelbach

Das Video, das Landrat Markus Ramers (SPD) bei Facebook gepostet hat, fängt noch unauffällig an, er wolle "etwas erzählen über Corona-Zahlen". Danach beginnt Ramers eine minutenlange Abrechnung mit der Corona-Statistik: "Aus meiner Sicht ist das ein unnötiger komplizierter Weg, wir sind zu einer Außenstelle des Landesamts für Statistik geworden. Ich finde, dieser Irrsinn muss aufhören."

36 Mausklicks pro Coronatest

Ramers kritisiert, was sich sieben Tage die Woche in einer Außenstelle des Kreisgesundheitsamts abspielt. Auf einer Büroetage arbeitet das 25-köpfige Covid-Team. Die Hälfte der Mitarbeiter erfasst die positiven Testergebnisse, die aus Laboren, Testzentren oder von Ärzten kommen. Für jede einzelne Meldung brauchen sie mindestens 1 Minute und 15 Sekunden, jedes Mal 36 Mausklicks.

Eine monotone Arbeit, bei der man hochkonzentriert sein muss und die aus Sicht von Markus Ramers überhaupt nicht mehr gebraucht wird: "Inzwischen ist es völlig irrelevant, ob die Inzidenz bei 800 liegt oder ob sie bei 1300 liegt. Eine wirklich wertvolle Aussage lässt sich daraus nicht ableiten."

Stephan Pusch (CDU), Landrat im Kreis Heinsberg, hat sich bei Facebook ebenfalls Luft gemacht. Seine Verwaltung produziere Datenfriedhöfe, "die für gar nix mehr gut sind." Als Konsequenz veröffentlicht der Kreis Heinsberg auf seiner Homepage keine Corona-Zahlen mehr.

Landräte schlagen Alarm: Corona-Daten-Irrsinn lähmt Ämter

00:31 Min. Verfügbar bis 03.02.2023


Erfasste Daten taugen "schon längst nicht mehr"

Im Rhein-Sieg-Kreis verlässt sich Landrat Sebastian Schuster (CDU) nicht mehr auf die offiziellen Daten seiner eigenen Behörde. Das Gesundheitsamt könne die vielen Laborbefunde nicht mehr bewältigen. In einer Stellungnahme schreibt die Kreisverwaltung: "Zur Berechnung einer Inzidenz taugen die erfassten Daten schon längst nicht mehr."

Nutzen für Kliniken gering 

Auch für Mediziner ist der Nutzen dieser Daten mittlerweile gering. Zu Beginn der Pandemie wurde anhand der Neuinfektionen abgeschätzt, auf wie viele Coronapatienten sich die Intensivstationen einstellen müssen. Die Uniklinik Bonn orientiert sich kaum noch an der aktuellen Inzidenz, sagt Oberarzt Christoph Boeseke: "Letztlich ändert sich an der großen Marschrichtung nichts, so dass die Inzidenzen auf die Abläufe keinen großen Einfluss haben."

Ein Interview zu dem Thema hat NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann abgesagt. 

Landrat Markus Ramers würde sein Covid-Team lieber für die Telefonberatung und für Bürgeranfragen einsetzen. Und er wünscht sich, dass Land und Bund genauer erklären, wie aussagekräftig die Statistiken sind. Denn Vertrauen in die Corona-Maßnahmen könne man nur gewinnen, wenn man mehr Transparenz schaffe.

Über dieses Thema haben wir am 02.02.2022 im WDR Fernsehen berichtet: Lokalzeit Bonn, 19.30 Uhr

Erheben von Corona-Daten: Landrat kritisiert Vorgehen

WDR 5 Morgenecho - Interview 03.02.2022 06:31 Min. Verfügbar bis 03.02.2023 WDR 5


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