Fünf Jahre danach - Die Silvesternacht 2015 in Köln

Zahlreiche Menschen in der Silvesternacht 2015 auf dem Vorplatz des Kölner Hauptbahnhofs

Fünf Jahre danach - Die Silvesternacht 2015 in Köln

Von Jochen Hilgers

Bald jährt sich die Kölner Silvesternacht mit etlichen Übergriffen am Dom zum fünften Mal. Seitdem ist viel analysiert und verändert worden. Polizei und Wissenschaftler ziehen Bilanz.

Viele werden sich an die massenhaften, auch sexuellen Übergriffe von meist jungen Tätern - darunter viele Geflüchtete - auf Frauen erinnern. Die Kölner Polizei stand damals unter massivem Druck, hat aber dann in den eigenen Reihen Reformen angeschoben. Der Polizeipräsident musste gehen, die Ereignisse wurden umfassend analysiert.

Ein Mann wird am 01.01.2016 in Köln (Nordrhein-Westfalen) am Hauptbahnhof von Polizeibeamten abgeführt

Heute scheint die Kölner Polizei eine andere zu sein als damals. In einem Online-Pressegespräch mit Journalisten aus ganz Deutschland stand neben Wissenschaftlern und Sozialarbeitern auch der Kölner Kriminaldirektor Klaus Zimmermann Rede und Antwort. Er hat sich über fünf Jahre mit den Ereignissen der Silvesternacht auseinandergesetzt. Der erfahrene Kriminalist hat viele Monate die Ermittlungsgruppe geleitet, die die Straftaten aufklären sollte.

Nur wenige Verurteilungen - aber viele Lehren

Bei 1.600 Verfahren gab es nur wenige Verurteilungen. Unbefriedigend findet er das bis heute. Im Gegensatz zu der Aufarbeitung im eigenen Haus. Man habe sehr viel gelernt, sagt er: "2015 haben wir ein Ereignis gehabt, bei dem eine Vielzahl von Straftaten begangen worden sind - mit traumatisierten Opfern, denen nicht geholfen worden ist. Und das ist sehr tragisch! Solche Situationen, wie wir sie auf dem Bahnhofsvorplatz gesehen haben, werden wir heute nicht mehr entstehen lassen."

Bessere Aufarbeitung

Situation am Kölner Hauptbahnhof Silvester 2015

Damals war die Situation völlig aus dem Ruder gelaufen - der Bahnhofsvorplatz wurde zum rechtsfreien Raum. Ein beispielloses Polizeiversagen, das die Diskussion in Deutschland anheizte. Vor allem über Migration und Flüchtlingspolitik. Und diese Debatten über Wanderung und Kriminalitätsbelastung müssten sorgfältiger geführt werden, sagt Professor Andreas Zick von der Universität Bielefeld. Dort leitet er das Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung. Er ist der Meinung, dass auch die polizeiliche Kriminalitätsstatistik, also die offiziellen Daten, dahingehend nochmal aufbereitet werden müssten.

Neue Schwerpunkte in der Ausbildung

Die Polizei Köln agiere mittlerweile noch transparenter, verheimliche nichts, heißt es von Kriminaldirektor Zimmermann. Aber seine Beamten draußen müssten auch in Sekundenschnelle Situationen erfassen und stießen dabei an Grenzen. Das sei ein Thema für die Ausbildung, sagt Streetworker Franco Clemens. "Und zwar, indem noch mehr auf Themen wie die soziale Kompetenz und deeskaliserende Gesprächsführung geachtet wird." Das sei schon Teil der Ausbildung, müsse aber ausgebaut werden. "Außerdem könnte ich mir regelmäßige Supervision vorstellen, wie wir Sozialarbeiter das ja auch machen."

Und Vorbeugung sei notwendig. Die leistet die Kölner Polizei seit dieser Zeit verstärkt. Zeigt Präsenz an neuralgischen Orten. Zurecht, findet die Opferberaterin Behshid Najafi von der Frauenberatung Köln. "Wo Menschenmassen und alkoholisierte Männer sind, da passieren immer wieder solche sexualisierten Übergriffe. Im Karneval, auf den Oktoberfesten...", zählt sie auf.

Transparenz und Kommunikation

Die Polizei Köln hat ihr Einsatzkonzept darauf angepasst und setzt auf Transparenz. Zimmermann: "Wir gehen ganz anders vor, was Kommunikation mit der Bevölkerung anbelangt. Wir gehen in die Netzwerke, wir gehen in die Medien, wir bedienen unseren eigenen soszialen Medien-Kanal und wir informieren die Bevölkerung", sagt er. "Das haben wir ja auch unmittelbar nach 2016 in mehreren Sprachen getan." Die Diskussionen werden in den kommenden Tagen wohl weiter aufflammen. Der fünfte Jahrestag der Silvesternacht kommt ja erst noch - in zwei Wochen.

Stand: 18.12.2020, 12:39