Kölner Sexarbeiter:innen in der Coronakrise

Nicole Schulze ist seit 17 Jahren Sexarbeiterin in Köln.

Kölner Sexarbeiter:innen in der Coronakrise

Von Daniel M. Gowitzke

Prostitution ist in Deutschland coronabedingt verboten gewesen. Auch Kölner Sexarbeitende haben unter dem Verbot gelitten. Manche trieb es sogar in den Selbstmord.

Nicole Schulze steht vor einem verschlossenen Tor im Kölner Norden. Durch die Gitterstäbe blickt sie in die leere Geestemünder Straße, einen betreuten Straßenstrich, der ihr in normalen Zeiten ein geschütztes Arbeiten ermöglicht.

Die 41-jährige ist seit 17 Jahren Sexarbeiterin in Köln. Aber: Die Pandemie und das Arbeitsverbot haben sie hart getroffen. „Hätte ich meinen Partner nicht gehabt, der mich finanziell unterstützt, hätte ich das Corona-Jahr nicht überlebt. Ich möchte endlich wieder frei sein. Mein Verdienst ist im Moment auf null.“

Sexarbeitende in Köln: Letzter Ausweg Selbstmord

Finanzielle Hilfe bekommt sie vom Staat, weil sie offiziell gemeldet ist. Aber: Rund 40.000 Sexarbeitende arbeiten ohne den sogenannten Prostituierten-Schutzausweis, schätzt der Berufsverband für erotische und sexuelle Dienstleistungen.

Ein Schild weist auf die Kondompflicht in der Geestemünder Straße hin.

Die Corona-Zwangspause habe viele Sexarbeiter:innen in die Illegalität getrieben. Auch am Eigelstein entdeckt Nicole Schulze immer wieder Kolleginnen, die illegal arbeiten. „Die kommen vom Eifeltor und von der Geestemünder und versuchen jetzt hier ihr Glück“, erzählt sie.

Um diese Kolleg:innen sorgt sich Nicole Schulze ganz besonders: „Ich kenne allein fünf in Köln, die Selbstmord begangen haben, weil sie nicht wussten, wie sie weiterleben sollten. Sie gelten als Drogenopfer, aber ich schiebe das ganz klar auf Corona und deren Existenznot.“

Sexarbeitende: Neue Studie der Katholischen Hochschule NRW veröffentlicht

Die Einschätzung von Nicole Schulz deckt sich mit den Erkenntnissen einer neuen Studie, die die Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen im Juli veröffentlicht hat.

Die Forschenden haben die psychische Gesundheit von Sexarbeitenden in der Pandemie untersucht. 40 Prozent zeigen demnach Anzeichen von Depressionen, mehr als 50 Prozent der Sexarbeitenden haben Angststörungen. Einige Betroffene berichten von Belastungen durch die wegfallenden sozialen Kontakte, Sorgen in Bezug auf die Zukunft bis hin zu Essstörungen und suizidalen Gedanken.

„In den offenen Fragen kamen Sätze wie ‚Ich will gegen den Baum fahren‘ oder ein Bekenntnis zum verstärkten Alkoholkonsum. Die Werte waren sehr hoch und das hat uns überrascht und mitgenommen, dass es so schlimm ist“, berichtet Anna Mühlen, die die Studie gemeinsam mit Professor Daniel Deimel durchgeführt hat.

Kölner Prostituierte dürfen endlich wieder arbeiten

Sorgen, die auch Nicole Schulze teilt: „Meine Psyche leidet sehr. Ich möchte gesehen werden, auch von der Politik. Die vergisst uns. Immer ist von Gastronomie die Rede oder von Theater. Aber was ist mit uns Sexarbeitenden?“

Immerhin: Aktuell tut sich etwas. Nach dem monatelangen Lockdown dürfen Prostituierte nun wieder arbeiten. Auch hier im Kölner Norden, in der Geestemünder Straße. Nicole Schulze hofft, dass die Existenznot für sie und ihre Kolleg:innen damit bald ein Ende hat.

Stand: 11.06.2021, 20:33

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