"Racial Profiling" – und der Polizeialltag am Kölner Ebertplatz

Ein weißer Polizist, der in Köln einen an der Wand stehenden schwarzen Mann kontrolliert.

"Racial Profiling" – und der Polizeialltag am Kölner Ebertplatz

Von Jochen Hilgers

  • "Schwarze dealen, Weiße kaufen"
  • Polizei: Einsätze ohne Ansehen der Herkunft
  • Beamte mit ungutem Gefühl auf der Straße

Seit dem Tod des Afro-Amerikaners Georg Floyd ist "Racial Profiling" auch hier ein größeres Thema. Auch gegen die deutsche Polizei gibt es Vorwürfe, Menschen nur wegen ihres Aussehens zu kontrollieren. Zu Unrecht, sagen viele Beamte. Wir begleiten einen Einsatz in Köln, an einem Brennpunkt für Drogen.

"Ich deale nicht mehr, seit ich Kinder habe"

Mit neun weiteren Beamten ist Markus Ballentin im Einsatz. Sie springen aus ihren Autos und schwärmen sofort aus. Im U-Bahnhof Ebertplatz umkreisen sechs der Beamten zwei Männer, ihre Hautfarbe ist schwarz. Man kennt sich: "Ich deale nicht mehr, seit ich Kinder habe", sagt einer der Männer, die kontrolliert werden.

Auf dem Ebertplatz wird ein junger Mann, ebenfalls mit schwarzer Hautfarbe, vorübergehend festgenommen. Einige Passanten beschimpfen die Beamten dafür. Für den Polizisten Markus Ballentin nicht ungewöhnlich. Seit auch hier verstärkt über "Racial Profiling" diskutiert wird, gingen er und die Kollegen mit einem unguten Gefühl auf die Straße. "Entweder solidarisieren sich die Mitmenschen mit der Klientel. Oder die Klientel sagt, ihr nehmt uns nur wegen unserer Hautfarbe fest", sagt er.

Polizeieinsatz mit "ungutem Gefühl"

Christian Becker betreibt mitten auf dem Kölner Platz eine Außengastronomie. Jeden Tag beobachtet er die Polizeieinsätze. Der Ebertplatz sei dafür bekannt, dass hier Drogen verkauft würden und zwar von Schwarzen. Und von Weißen gekauft, vergisst er nicht zu sagen. Die Polizei verhängt auf dem Ebertplatz rund 1.100 Platzverweise pro Jahr. Über die Betreffenden wird bisher keine Statistik geführt. Die Statistik der Polizei NRW weist nur "nichtdeutsche Tatverdächtige nach Alter und Geschlecht" auf. Nach Einschätzung der Beamten am Ebertplatz sind es aber überproportional Menschen schwarzer Hautfarbe. 

Unterstützung für "Racial Profiling"-Studie

Wolfgang Baldes, Pressesprecher der Kölner Polizei versichert, dass es bei jedem Einsatz um Strafverfolgung geht, auf Basis von Observationen ohne Ansicht der jeweiligen Herkunft des Verdächtigen: "Wenn wir wissen, dass ein bestimmter Mann Drogen verkauft hat und er hat schwarze Hautfarbe, dann suchen wir eben auch einen Mann mit schwarzer Hautfarbe. Das hat mit 'Racial Profiling' nichts zu tun." 

Was aber tut die Polizei, damit sich keine Muster im Kopf festsetzen? Oliver Huth, Vize-Vorsitzender des Bundes der Kriminalbeamten in NRW, sagt im Hinbick auf solche Einsätze: "Wichtig ist, dass man Tatsachen sammelt. Auch die Polizei ist ein Spiegelbild der Gesellschaft. Es wäre naiv zu glauben, dass es entsprechende Denkstrukturen nicht auch hier gebe." Huth ist deswegen für eine Studie zum Racial Profiling – wie sie Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) ablehnt. Auch um sich Misstrauen zu stellen und den Dialog zu suchen.

Anmerkung der Redaktion

Dem Regisseur Dennis Todorovic, der am Donnerstag (09.07.2020) zufällig ebenfalls am Kölner Ebertplatz war, bot sich ein anderes Bild als unserem Autoren Jochen Hilgers. Er berichtet in einem vielgeteilten Facebook-Posting von einem alten Mann im Rollstuhl, der der Polizei die Bilder seiner Kamera zeigen musste. Todorovic empfand die Situation als "unangenehm". Wie die Polizei mitteilte, sei der Mann angesprochen worden, weil er mit einem Teleobjektiv Aufnahmen von fremden Kindern gemacht habe.

Weiter berichtet Todorovic von einem schwarzen Passanten, der mit einem tragbaren Lautsprecher unterwegs war. Dieser sei von der Polizei "aggressiv" kontrolliert und zum Polizeiwagen geführt worden - für ihn ein Fall von "Racial Profiling". Laut Angaben der Polizei soll es an der Stelle, wo der Mann vorher gesessen habe, nach Marihuana gerochen haben. Später sei er dann kontrolliert worden. Da er dabei "mit den Händen herumfuchtelte", seien ihm Handschellen angelegt worden. Er sei zur Personalienfeststellung zu einem Polizeifahrzeug geführt worden. Anschließend hätten ihm die Beamten einen Platzverweis erteilt und ihn entlassen.

Todorovic beklagt zudem, er sei von einem der Journalisten (gemeint ist offenbar Jochen Hilgers) beleidigt worden. Hilgers wiederum sagt, er und sein Kameramann seien von zwei anderen Personengruppen beschimpft worden (Konkretisierung am Freitagabend 10.07.2020, 21 Uhr).

Stand: 10.07.2020, 21:00

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