Leere Bänke in einer Kirche.

Kirchenaustritte in Köln erreichen neuen Rekord

Stand: 16.11.2021, 19:20 Uhr

Sie wollen ein Ort der Zuflucht sein – die Kirchen. Doch stattdessen sind es die Menschen, die die Flucht vor ihnen ergreifen. In Köln steuern die Austrittszahlen auf einen neuen Rekord.

Von Milena Furmann

Inzwischen treten auch die Menschen aus, die sehr lange, sehr aktiv in der Kirche waren. Einer von ihnen ist der Kölner Architekt Stefan Nix-Pauleit.

Stefan Nix-Pauleit

Stefan Nix-Paulet

Christ seit seiner Taufe 1964, gläubig und engagiert: Pfadfinder, Jugendarbeit und sogar ein Semester Theologie hat der Kölner nach dem Abitur studiert. Zuletzt war er in seiner Gemeinde sogar Pfarrgemeinderatsvorsitzender.

Doch irgendwann begann dieses Verhältnis zur Kirche zu bröckeln: Missbrauchsfälle, schlechte Aufarbeitung, aber auch der Umgang mit Frauen. All das hat vor allem an seinem Glauben gerüttelt, bis er irgendwann sagen musste, es reicht.

„Ich hielt es nicht mehr aus, weil die Kirche als solche sich von dem Glauben entfernt hatte. Und so habe ich entschieden, meinen Glauben vor dieser Kirche in Sicherheit zu bringen.“ Stefan Nix-Pauleit

Für die Rettung seines Glaubens gab es in seinen Augen nur einen Weg und das war der Kirchenaustritt diesen Sommer.

Der Glaube bleibt

Anfang Oktober ist auch Bernadette Rüggeberg ausgetreten. Fast 66 Jahre war sie Mitglied der katholischen Kirche. Zum ersten Mal enttäuscht von der Kirche wurde die Sozialpädagogin 1997. Damals hatte der damalige Kölner Erzbischof, Kardinal Meisner, angekündigt aus der Schwangerenkonfliktberatung, in der sie mitgearbeitet hat, auszusteigen.

„Nach dem Bewusstsein, dass die Kirche sich von den Frauen in der Not verabschiedet, sie da alleine gelassen hat, das hat mich immer mehr von der Amtskirche entfernt“, so die Kölnerin.

Bernadette Rüggeberg

Bernadette Rüggeberg steht zu ihrer Entscheidung

2019 ist Bernadette Rüggeberg in den Ruhestand gegangen. Seit dem hat sie sich viele Gedanken gemacht: über die katholische Kirche, ihre Zugehörigkeit, ihre Rolle als Frau. Sie lernte die Initiative Maria 2.0 kennen und fühlte sich in ihr aufgehoben.  Fester Anker in dieser Zeit war und ist ihr Glaube - auch in dem Moment, als die Entscheidung zu gehen gefallen war.

„Ich hab gedacht, der Himmel tut sich auf oder die Erde tut sich auf nach 66 Jahren so enger Zugehörigkeit. Aber es war nicht so. Es war ein fließender Übergang, weil ich mich sicher in meinem Glauben fühle. Ich kann ohnehin nicht tiefer fallen, als in Gottes Hände.“ 

Rückkehr nicht ausgeschlossen

Rund 20. 000 Menschen werden dieses Jahr die Kirchen verlassen, so die Zahlen des Kölner Amtsgerichts. Aktuell bietet das Gericht pro Monat 1.500 Termine an. Mehr als doppelt so viel, wie ursprünglich. Und trotzdem müssen Austrittswillige Geduld mitbringen. Wer sich jetzt entscheidet auszutreten, muss bis Mitte Januar 2022 auf den nächsten freien Termin warten.

Zur Kirche zurückkehren, das ist für Bernadette Rüggeberg und Stefan Nix-Pauleit nicht ausgeschlossen - allerdings nur wenn sich die katholische Kirche in Sachen wie zum Beispiel Transparenz, Gewaltenteilung und Gleichberechtigung ändern würde.