Kinderärztemangel im Oberbergischen

Von Daniel Gowitzke

Der Ärztemangel auf dem Land scheint kaum aufhaltbar. In Gummersbach ist jetzt eine der wenigen Kinderärztinnen des Kreises gestorben. Eine Nachfolge ist nicht in Sicht.

Dienstagmorgen im Wartezimmer von Kinderärztin Dr. Sabine Wagner. Keiner der Holzstühle hier ist leer geblieben, auch im Flur der Praxis sitzen die jungen Patientinnen und Patienten eng an eng. Die Stimmung bei den Eltern und Erziehungsberechtigten hier? Traurig, wenn nicht ängstlich. Denn ihre beliebte Kinderärztin ist im Juli plötzlich verstorben - und jemand, der die Praxis hier in Gummersbach-Derschlag übernehmen möchte, ist nicht in Sicht.

Daniela Wolf, Mutter von zwei Pflegekindern, ist wenig optimistisch: "Es wird schwierig. Ich habe schon bei vielen Kinderarzt-Praxen angerufen hier in der Umgebung, die sind alle voll. Da werden wir auch so ohne Weiteres nichts finden. Das ist für mich und meine Kinder ein echtes Problem."

Arzt aus dem Ruhestand springt ein

Ein Problem, für das es vorerst keine Lösung gibt. Für den Übergang übernimmt der ehemalige Chefarzt der Kinderstation der Klinik Gummersbach, Dr. Pretel, den Dienst hier. Er kümmert sich um all die kleinen Patientinnen und Patienten mit Durchfall, laufender Nase und aufgeschürften Knien. Eigentlich ist er längst im Ruhestand, wird bald 80 Jahre alt. Dennoch springt er gerne ein: "Ein Arzt ist immer jemand, der gerne hilft. Das ist einfach Teil unseres Berufstandes. Und Zäune streichen und Golf spielen, das wäre mir viel zu langweilig", erzählt er.

Ein Stück weit hat er Verständnis für seine jungen Kolleginnen und Kollegen, die lieber in einer Klinik arbeiten als in einer Praxis: "Diese Einzelpraxen mit der ganzen Verantwortung, das ist schwierig. Ich habe keine Urlaubsvertretung, ich kann meine Fortbildungen nicht machen, das ist für meine jungen Kollegen nicht mehr so interessant."

Weite Wege, viele Auflagen, weniger Einkommen

Wenig attraktiv ist für viele junge Medizinerinnen und Mediziner auch die Lage hier im oberbergischen Kreis im südlichen NRW. Knapp 4000 Einwohner leben in Derschlag, 60 Kilometer fährt man bis Köln. Trotz der Nähe zu grünen Wäldern, saftigen Wiesen und viel frischer Landluft ist der Weg vielen jungen Ärzten zu weit. Dabei ist es nicht immer nur eine Entscheidung gegen das Landleben. Auch sind die Erlöse für niedergelassene Ärztinnen und Ärzte geringer als bei jenen, die angestellt sind. Dazu kommen Auflagen und bürokratische Hürden, erzählt Dr. Pretel.

Bund, Länder und Kommunen versuchen mittlerweile, dem Ärztemangel auf dem Land entgegenzusteuern. Um die ärztliche Versorgung auf dem Land zu sichern, hat NRW 2018 als erstes Bundesland eine Landarztquote eingeführt: Im Gegenzug für einen Studienplatz verpflichten sich junge Ärzte, zehn Jahre lang in einer unterversorgten Region zu arbeiten. Doch bis diese Quote spürbare Effekte zeigt, würden mehr als zehn Jahre vergehen, so eine Prognose der Universität Hannover.

Statt zum Arzt in die Notaufnahme

Hier in Derschlag muss es schneller gehen: Wenn die Praxis von Sabine Wagner bis Ende März 2022 nicht neu besetzt ist, muss auch sie endgültig schließen. Den Müttern und Vätern hier im Wartezimmer bereitet die Vorstellung große Sorgen: "Wenn jetzt bald ein Nachfolger gefunden wird, das wäre nicht nur super für uns - sondern vor allem für unsere Kinder. Ansonsten müsste ich bei so akutem Durchfall wie heute ins Krankenhaus in die Notaufnahme fahren", erzählt ein Vater.

Aktuell sind es vor allem zwei Menschen, die für das Überleben der Kinderarzt-Praxis kämpfen: Einer von ihnen ist Tom Wagner, er ist der Bruder der verstorbenen Ärztin und lebt in England: "Das ist ja nicht nur eine Praxis, nicht nur ein Business. Es ist ja auch eine Mission, die meine Schwester immer getrieben hat."

Eine Mission, die er fortführen möchte - gemeinsam mit der Unternehmensberaterin Lara Bäumer. Sie hat sich auf die Beratung von Arztpraxen spezialisiert: "Mein größter Wunsch ist es, dass wir es schaffen, einen Nachfolger zu finden. Das können hier in der Region sogar zwei sein, eine junge Ärztin mit einem jungen Arzt oder zwei in Teilzeit.“ Ein dringender Wunsch, den hier im Wartezimmer alle Familien teilen.